Donnerstag, 26. Februar 2015

Liebe ist kälter als der Tod

Ziemlich raue Live-Poesie: Element of crime gastieren im Rahmen ihrer aktuellen Deutschlandtournee im Stuttgarter Theaterhaus

Stuttgart - „Ihr Herz ist kalt wie ein gefrornes Hühnchen“, „Edeka des Grauens“, „Wenn dich dein Schatten liebt“: Düster sind die poetischen Einfälle von Sven Regener, dem textenden Kopf der deutschen Band Element of crime, die ihren Namen Lars von Triers gleichnamigem Film aus dem Jahr 1984 verdankt, einem surrealen Krimi.

Mit ihrer Nummer „Wenn der Wolf schläft, müssen alle Schafe ruhen“ trat die Berliner Band kürzlich im Weimarer Tatort auf, in einem entvölkerten Volksfest-Bierzelt, spät nachts. Das Ermittlerpaar Christian Ulmen und Nora Tschirner tanzte dazu eng umschlungen. Das passte, denn Ulmen spielte auch den Titelhelden in „Herr Lehmann“, der Verfilmung des Romandebüts und Bestsellers von Sven Regener, womit sich die Katze in den Schwanz biss.

Element of crime sind derzeit auf Deutschlandtournee. Sie füllten jetzt gleich zweimal den großen Saal im Stuttgarter Theaterhaus - mit Songs ihrer neuen CD „Lieblingsfarben und Tiere“ und ein paar älteren Nummern, etwa aus ihren frühen, noch englischsprachigen Zeiten, als sie mit der LP „Try to be Mensch“ im Jahr 1987 erste Popularität erlangten. Richtig los ging’s damals aber erst in den 1990er-Jahren - nach der Bandreform und der Entscheidung, auf Deutsch zu singen. Element of crime entwickelten einen eigenen Stil aus Chanson, Zirkusmusik und Seemannslied, aus Folk-Country-Rhythm and Blues und Rock‘n‘Roll, mit Vorliebe für den Dreivierteltakt und Shuffle-Rhythmen. Sie sind diesem Stil bis heute treu geblieben: musikalisches Stagnieren auf hohem Niveau.

Ältere balladige Songs wie „Straßenbahn des Todes“, „Delmenhorst“ oder „Am Ende denk ich immer nur an dich“ fügen sich an diesem Abend daher prächtig zu den brandneuen wie „Dunkle Wolke“ oder „Liebe ist kälter als der Tod“. Auch Lieder in Dur werden nach wie vor durch Mollausweichungen dunkel melancholisiert.

Auf den CDs klingt das alles schön durchsichtig, was David Young am Bass, Richard Pappik am Schlagzeug und Jakob Ilja an der oft sehr melodiösen Gitarre beisteuern und damit Regeners charismatische, raue, schnoddrig artikulierende Stimme grundieren und kontrastieren. Was aber im Theaterhaus, wo die vier durch den Saxofonisten Rainer Theobald ergänzt werden, erklingt, ist härter, lauter, rockiger. Weswegen Regeners Stimme zu oft zu fett überdeckt wird, wodurch die Texte unverständlich werden. Wer sie also noch nicht kennt, kriegt wenig mit vom Herz der Musik, den Worten: „Wenn du sie siehst, grüß’ sie von mir / Sag ihr, hier sei alles im Lot / Und je länger man kaut, desto süßer das Brot / Irgendwas ist immer, irgendwas ist immer / Und Liebe ist kälter als der Tod.“

Klar und scharf dagegen kann Regener mit seinen exzellenten Trompeten-Soli protzen. Der Dichter spricht nicht viel zwischen den Songs. Und wenn, gerät Regener schnell ins virtuose Fabulieren. Parliert in der Ansage etwa zu „Am Morgen danach“ darüber, was die Fünf so auf der Tournee bewege: welche Städte, die sie kreuzen, sich in welche Flüsse entleeren, und über die Bedeutung von Rhein und Donau. Dabei ginge es hier letztlich doch um die Weser, was nicht erstaune, wenn man bedenke, dass er ja aus Bremen komme - und das sei auch gut so, denn wer kümmere sich sonst noch um diese „Drecksbrühe“. „Und jetzt das Lied!“: „Am Fluss ging die Sonne ewig unter / von links nach rechts floss er und plätscherte munter / vorbei als du kamst. Da war es schon spät. War ja klar.“

Weil’s vorne so laut ist, geht man nach hinten, wo die jüngeren Leute des sehr gemischten Publikums an ihren Smartphones herumfummeln und die ganze Zeit Selfies knipsen, auf denen man dann so gut wie nichts sieht, weil’s ja dunkel ist. Zudem wird hier auch viel gequasselt und gekichert, so dass man sich dann lieber ganz nach hinten verzieht, wo einen der Sound aber immer noch beinahe gegen die Wand dengelt. Wirklich schade um die schönen Texte.

Rezension für die Eßlinger Zeitung vom 26. Februar 2015.

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