Montag, 22. Juni 2015

Bitte alle die Identitäten durchwechseln!

Christopher Rüping inszeniert am Stuttgarter Staatsschauspiel Ibsens „Peer Gynt“


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In Matsch und Textgewirr: Caroline Junghanns und Edgar Selge, letzterer als Peer Gynt. (Foto: Conny Mirbach)

Stuttgart - Igittigitt, dafür müsste die Schauspielerin wirklich eine Ekelzulage kriegen: Als Troll hat sie einen blutig-gedärmigen Fleischklumpen geboren, den sie zunächst schlafliedsummend im Arm wiegt. Dann beginnt sie, ihn aufzufressen. Da kommt einem schon beim bloßen Zugucken der Brechreiz. Die Szene, in der Peer Gynt im Troll-Land landet, ist trotzdem die beste an diesem Abend im Stuttgarter Schauspielhaus, weil sie zumindest etwas von der dunklen Mystik abstrahlt, die Ibsens „Dramatisches Gedicht“ umflort. Auch wenn Peer Gynt, den eigentlich Edgar Selge spielt, in diesem Moment gar nicht anwesend ist. Er weilt hinter der Bühne, um sich dort nicht, wie im Ibsen-Original, mit drei liebesgeilen Sennerinnen, sondern gleich mit 24 Zuschauerinnen zu vergnügen. Selge hat sie zuvor charmant aufdringlich aus dem Publikum herausgelesen. Die Souffleuse hat er gleich auch noch mitgenommen.

Conchita-Wurstisierung

Wobei er freilich auf Liebesspiele verzichtet. Die Auserwählten werden stattdessen auf einem Häppchen-Sekt-Empfang, der per Videoleinwand übertragen wird, mit 24 Männern verheiratet, die alle einen Brautschleier tragen. Tja, längst hat die Conchita-Wurstisierung unserer Individualitätsgesellschaft auch das Theater erreicht.

Während Selge hinten feiert, wird Peer Gynt vorne abwechselnd von den fünf Darstellerinnen gemimt, die gerade als Trolle zu Edvard Griegs „In der Halle des Bergkönigs“ herumtollen. Sie haben Gynt zuvor mit grünlichem Matsch und grauem Wollhaar zu einem der ihren gemacht und krönen ihn jetzt mit einer Pfauenfederkrone. Aber wer jetzt gerade Gynt spielt - Julischka Eichel, Svenja Liesau, Nathalie Thiede, Birgit Unterweger oder Caroline Junghanns - wird zunehmend undurchsichtiger. Weil alles so eklig ist im Troll-Land und einer der Gynts fühlt, dass der Fleischklumpen-Nachwuchs ihm noch Ärger bringen könnte, kann man verstehen, dass er so schnell wie möglich wieder weg will - in welcher Person auch immer.

Christopher Rüping hat den Abend inszeniert, und wie schon in seiner Adaption des Dogma-Films „Das Fest“ gibt es keine festen Rollenzuweisungen. Nur Selge ist immer Gynt (wenn auch Gynt nicht immer Selge). Das Frauen-Quintett, das ihn den Abend lang umzirzt, veralbert oder kommentiert, wirft sich virtuos die Textbälle zu, tauscht ständig die Rollen: spielt mal Gynt-Mutter Aase, mal Gynts Ewigkeits-Liebe Solveig oder sein Entführungsopfer Ingrid - des öfteren aber auch sich selbst. Im Identitätenwirrwarr scheinen immer wieder die Ichs der Darsteller auf. Denn Rüping interessierte offenkundig nur das: der modern anmutende Identitätswechsel der Titelfigur. Weshalb er Ibsens berühmtes Gynt-Bild von der Zwiebel, die nur aus Häuten besteht und kein Inneres, keine Substanz besitzt, im Sinne der populären Richard David Precht’schen Frage „Wer bin ich und wenn ja, wie viele“ deutet.

Sehr ernst nimmt Rüping das Stück, seine Allegorien und seine Symbolik, ansonsten nicht. Stark gekürzt ist es, mit viel Heutigem vermischt, Improvisationen inklusive. Die Personage spielt durchweg aufgedreht, übertreibt. Allen voran der aufgeregte, ekstatische, impulsive Selge. Vieles scheint beliebig, das Textdurcheinander führt gelegentlich zu Längen. Die nach hinten weit geöffnete Bühne (Bühnenbild: Jonathan Mertz) ist bis auf ein paar Blecheimer und Scheinwerfer leer, Regieanweisungen werden mitgesprochen.

Ibsens wortgewaltige Parforce-Jagd durch das scheiternde Leben eines ziellosen, sinnsuchenden Egoisten, der einst als „nordischer Faust“ identifiziert wurde, gerät zu oft zur Stand-up-Comedy: „Die sind alle wegen mir da“, sagt Selge-Gynt im Hinblick aufs Publikum. „Ich geb’ mal ‘nen Tipp: Kuss!“, rät eine, als Gynt paralysiert vor Solveig steht.

Der vierte Akt, in dem Gynt zum zwielichtigen Geschäftetreiber, Wüstenwanderer, Beduinenhäuptling, Propheten und dann auch noch Irrenhaus-Insassen mutiert, ist gleich ganz gestrichen. Stattdessen werden die Türen zur Pause geöffnet, während das Frauen-Quintett auf der Bühne allerlei alberne Geschichten erzählt: von Gynt als Pudelfriseur in einem Zirkus, als Guinness-Buch-Rekordbrecher, als Tankstellenbesitzer, in Therapie, von einer Corinna vergewaltigt und so weiter. Die Geschichten seien austauschbar, denkt Rüping möglicherweise und fokussiert das Geschehen auf Gynt als den Angeber, den Phantasten und Tagträumer, der sich immer wieder neu erfindet.

Die Zuschauer dürfen abstimmen

Dein Leben: Das sind die Geschichten, die du erzählst, wird den Zuschauern vorgespiegelt. Ohne diese Geschichten ist dein Leben ein schwarzes Loch, wie die leere Bühne zu Beginn, in der sich erst die Zwischenvorhänge öffnen müssen wie die Häute der besagten Zwiebel, bevor Peer Gynt weit hinten sichtbar wird. „Ich war Kreon und Odysseus, Faust und Mephisto, Hitler und Stauffenberg, Wallenstein und Galileo, Menschenhändler und Terrorist, Pinguin und Marilyn Monroe, nie aber Romeo!“, extemporiert Selge-Gynt am Ende. Und das Publikum darf abstimmen, ob Gynt in Solveigs Schoß zurückkehren mag (wie im Original) oder sich ins Nichts auflösen muss. Die Zuschauer-Befragung gerät zur Pattsituation. Das Ensemble entscheidet sich fürs Nichts.

Das Publikum ist am Ende (fast) restlos begeistert - dank eines elektrisierend spielenden Ensembles und einer Menge unterhaltender Szenen. Aber, oh armes Ibsen-Werk! Etwas immerhin gibt dem Abend ein Stück Ibsen‘sche Seele zurück: Der Männerchor, der hinter oder auf der Bühne in einer merkwürdigen nordischen Fantasiesprache romantische Weisen oder geheimnisvolle Mönchsgesänge oder eben ein bisschen Edvard Grieg sonor und dunkel vibrieren lässt. Wunderbar mystisch, diese Musik von Christoph Hart!

Rezension für die Eßlinger Zeitung vom 22. Juni 2015.

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