Montag, 20. November 2017

Wasserscheu in der Badeanstalt

Das Theater Lokstoff spielt in der Schwimmhalle Stuttgart-Heslach sein Stück „Retrotopia“ über die Befindlichkeit der Deutschen

lokstoff

Stuttgart - Ach du Schreck, Warmbadetag! Will man da wirklich den Bademantel über Jeans und Pullover ziehen? Dann doch lieber (fast) alles ausziehen und nur das braune Frotteegewand überwerfen. Denn das ist Pflicht bei diesem Theaterbesuch, genauso wie die weißen Schlappen. Beides wird am Eingang ausgeteilt, samt Jeton für den Kleiderspind und gesponsertem Täschchen fürs Handy und das Portemonnaie. Das Theaterkollektiv Lok­stoff, das keine feste Spielstätte braucht, weil es öffentliche Räume nutzt, um Kunst und Realität ganz direkt aufeinandertreffen zu lassen, hat sich für sein aktuelles Stück „Retrotopia. Deutschland im Reagenzbecken“ das Hallenbad Stuttgart-Heslach ausgesucht - bei laufendem Badebetrieb. Da darf man in Alltagskleidung eben nicht rein.

Und dann haben endlich alle ihren Platz gefunden links und rechts des Sprungbeckens: einheitlich in Bademäntel gehüllt und mit blau blinkenden Kopfhörern ausgestattet. Denn in der imposanten, 1929 im Stil der neuen Sachlichkeit erbauten Badehalle ist die Akustik, wie in allen Schwimmbädern, nicht ausgerichtet auf verstehbare Worte.

Angst vorm Sprung

Dank der Mikroports in den Gesichtern des fünfköpfigen Darstellerteams ist trotzdem alles gut zu hören, auch das Gespräch, das „Bademeister“ Wilhelm Schneck, in klassischem Weiß, aber ausgestattet wie Security-Personal, mit dem jungen Mann hoch oben auf dem Fünf-Meter-Brett führt, der gerade die Angst vorm Sprung zu überwinden sucht. Natanael Lienhard springt aber nicht, stattdessen nimmt er eine Ukulele zur Hand und singt mit professionell ausgebildeter Stimme „Atemlos durch die Nacht“, derweil die anderen vier unten am Beckenrand als Chor einstimmen und ein lustiges Ballett dazu tanzen. Die Wasserscheu ist Programm an diesem Abend. Ganz anders die drei Jungs, die zu Beginn Synchronsprünge vorführen, oder die sechs Wasserballett tanzenden Damen, die ein spaßiges Intermezzo bescheren.

Ansonsten geht es um Deutschland und die Angst, die umgeht. Aus der Perspektive des Wassers, aus dem wir alle kommen. Vor allem Fragmente aus John von Düffels „Wassererzählungen“ werden in dieser Stückentwicklung in der Regie von Heidi Mottl verarbeitet, außerdem Texte der Dramaturgen Werner Kolk und Dieter Nelle. Die Metapher Schwimmbad macht klar: Ohne die schützenden Statussymbole unseres Alltags, zu denen auch die Kleidung gehört, sind wir alle gleich. Zuschauer wie Darsteller. Nirgendwo begegnet sich der Mensch so entblößt wie hier. Zurückgeworfen auf sich selbst legen sich Ängste frei.

Kathrin Hildebrand in der Rolle der scheuen, alleinerziehenden Mutter will auch nicht ins Wasser springen, kann sich nicht fallen lassen, weil der Vater sie einst zum Kopfsprung zwang. Erst ein merkwürdiger Job befreit sie von ihren Ängsten: Unter den Augen eines japanischen Stararchitekten schwimmt sie jeden Morgen nackt und stumm wie ein Fisch „auf ästhetische Weise“ Bahn um Bahn in einem Pool. Es ginge dabei, sagt sie, um Läuterung.

Alexa Steinbrenner als daueraufgedrehte Unternehmensberaterin, die durch die Welt hetzt, kriegt am Ende dann doch nur eine 45-Prozent-Bewertung und muss die Firma verlassen. Dem ständig selbstoptimierend an sich arbeitenden Sportler alias Simon Kubat droht die eigene Existenzblase zu zerplatzen. Alle angstbesessen, unter Dauerdruck, in der Sinnkrise. Vieles arbeitet der Abend ab: die Verschwendung von Ressourcen, die Flüchtlingskrise, die Klimakatastrophe. Schön surreale Bilder gibt es auch: etwa zwei Menschen mit Fischköpfen, die Ängste am Fließband artikulieren.

Die Mono- und Dialogszenen verbindet Bademeister Schneck. Er lenkt den Abend, gibt ihm philosophisches Futter, doziert über die „Domestizierung des Wassers“ im Pool. Er spielt auch ein bisschen den Misanthropen, der zunächst mit einer rüden Publikumsbeschimpfung aufwartet: sich über eklige, gelbe Fußnägel auslässt und schlaffe welke Haut und was ihm sonst noch so alles im Schwimmbad begegnet. Am Ende spielt er gar den Standesbeamten und verheiratet die Unternehmensberaterin mit sich selbst, auf dass sie sich endlich liebe. Schön absurd das Schlussbild: Die Braut auf dem Startblock in weiß-neonrotem Kleid, das Licht verdunkelt sich, und auf dem Wasser schwappen illuminierte Kunststoff-Kanister (Ausstattung: Maria Martinez Pena).

Keine Frage: Der Spielort ist attraktiv, die Texte sind anspruchsvoll und anregend, das Ensemble legt sich ins Zeug. Aber den 90-minütigen Spannungsbogen könnte man noch straffer ziehen. Und vielleicht doch ein bisschen die Wasserscheu überwinden.

Rezension für die Eßlinger Zeitung vom 20.11.2017.

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