Dienstag, 28. November 2017

Im schönsten Land am Weltenrand

„Der Zauberer von Oz“ in der sehenswerten Inszenierung von Wolfgang Michalek am Stuttgarter Staatsschauspiel

Schrilles Quartett: Nina Siewert (Dorothy), Sebastian Röhrle (Löwe), Felix Mühlen (Blechmann), Sebastian Wendelin (Vogelscheuche). Foto: Conny Mirbach

Stuttgart - Was für eine wunderbare Vogelscheuche! In Blümchenjacke, mit irrem, zuckerwattig aufgebauschtem Haarwirrwarr, aufgedreht hüpfend trotz Rückgrats wie aus Gummi: Sebastian Wendelin spielt die Tatsache, dass er als befreiter Strohmann ohne Holzpfahl im Rücken sich nur mühsam aufrecht halten kann, stets mit. Ein genialer, sehr präzise agierender Slapsticker.

Vor Witz sprüht die ganze Weihnachtsproduktion des Staatstheater Stuttgarts, ein Familienstück für Zuschauer ab 6 Jahren: „Der Zauberer von Oz“ nach dem Kinderbuchweltbestseller von Lyman Frank Braun. Regie führte Wolfgang Michalek, selbst komikbegabter Schauspieler im Ensemble des Staatstheaters. Michalek hat auch - gemeinsam mit seiner Kollegin Lea Ruckpaul - die wortwitzige Bühnenfassung des Romans geschrieben.

Dorothy, das Mädchen, das durch einen krassen Wirbelsturm von einer Farm in Kansas ins Land über dem Regenbogen, in die Märchenwelt der Munchkins, gepustet wird und dort allerlei Mutproben und Abenteuer zu bestehen hat, bevor es wieder nach Hause darf, wird gespielt von der jungen Nina Siewert. Ihre Dorothy in weißem Kleidchen und Glitzer-Zauberschuhen ist ein ziemlich wütendes Kind: einerseits explosiv-euphorisch, wenn sie sich freut, andererseits von greller Cholerik getrieben, wenn sie sich über böse Hexen und falsche Zauberer aufregt.

Schrilles Quartett

Gemeinsam mit ihren neuen Freunden - der Vogelscheuche, die sich ein Hirn wünscht, dem Blechmann ohne Herz und dem ängstlichen Löwen - bildet sie ein schön lärmendes und schrilles Quartett, das in der Premiere im Stuttgarter Schauspielhaus nicht nur bei den Kindern ausgesprochen gut ankam.

Aber es geht auch ganz leise: Wenn etwa Blechmann Felix Mühlen eine Ballade über die Sehnsucht nach einem eigenen Herzen singt: „Ach, könnt ich nur den Regenbogen biegen, ein bisschen träumen und mich total verlieben.“ Zu Tränen rührend! Wobei da schon längst jeder im Saal weiß, dass der Arme nicht nur bereits ein Herz hat, sondern dazu auch noch ein besonders weiches. Charismatisch auch Sebastian Röhrle als Löwe: wie er die Gratwanderung zwischen totalem Minderwertigkeitskomplex und grenzenlos vorhandener Eitelkeit meistert - und wie schnell der König der Angsthasen seine Furcht überwinden kann.

Es ist eine Produktion, in der einfach alles stimmt. Die wunderbare Musik etwa und ihre poetischen und humorigen Texte, die Max Braun für den Abend geschrieben hat: vor allem fetzige Country-Songs, aber auch Rock-Nummern, einen italienischen Schlager, ein bisschen Samba. Er ist auch der Kopf des Band-Trios auf der Bühne, welches das Geschehen mit Folk-Fiddel, Westerngitarre, Waschbrett, Banjo und anderem einheizt.

Natascha von Steiger hat ein praktisches Bühnenbild aus zusammenschiebbaren Kulissen gebaut: eine kunterbunte Blumenwiese, ein Wald- und ein Bergpanorama. Und als spektakulären visuellen Höhepunkt gibt es eine riesige Windmaschine, die den Bühnenboden mit einem Wisch staubfrei macht.

Im Wunderland der Munchkins müssen Dorothy und ihre Freunde die böse Hexe des Westens besiegen, die eindrucksvoll von oben herabschwebt, mit schwarzer Endlosschleppe, Zeter und Mordio schreiend, am Seil hängend Flüche tanzend. Eine wirklich böse Hexe gibt Viktoria Miknevich, die dazu auch noch mit ausgesprochen eindrucksvoller Rockröhre singt. Aber der Hexe hilft’s nicht. Diese „Gurkentruppe“ (O-Ton böse Hexe) hat so überhaupt keine Angst vor diesem Drachen, dass ihre magische Kraft stante pede verlöscht, und sie fährt gen Himmel (nicht in die Hölle) und verschwindet auf ewig. Grund für die Macht Dorothys ist der „Schutzkuss“ der guten Hexe Lustella - schön verrückt und feenhaft gespielt von Lucie Emons in rosa Glitzer-Outfit (Kostüme: Sara Kittelmann). Aber damit ist das kuriose Quartett noch nicht am Ende. Der Zauberer von Oz soll alles richten, die Heimkehr Dorothys ermöglichen und die Wünsche der drei anderen erfüllen.

Am Ende ist es ganz egal, dass er weder Macht hat noch zaubern kann. Der vermeintliche Magier alias Boris Burgstaller ist zwar ein Blöffer, aber dass sein Mutwasser für den Löwen, sein Herzwecker für den Blechmann und das Glühlampenhirn für die Vogelscheuche nur Placebos und eigentlich gar nicht nötig sind, ist jedem im Publikum längst klar. Aber schön waren die Abenteuer. Und gemeinsam ist man halt stark.

Bleibt Dorothys Rückkehr nach Kansas, die dann auch ganz einfach ist: Ihre Zauberschuhe, die sie von Lustella bekommen hat, machen’s möglich. Da lässt sie ihre Freunde doch gerne zurück im kunterbunten, blumigen, „schönsten Land am Weltenrand“. Die Welt, in die sie zurückkehrt, ist dagegen öde, karg und freudlos. Aber Familie ist halt alles, und da ist ja auch noch ihr kleiner Hund Toto - in Stuttgart ein waschechter Dackel.

Rezension für die Eßlinger Zeitung vom 28.11.2017.

Warmer, weicher Wunderton

Die Philharmonia Prag und der Trompeter Gábor Boldoczki in der Stuttgarter Liederhalle

Stuttgart – Ein Blick auf die neueste CD „Bohemian Rhapsody“ von Gábor Boldoczki, des charismatischen Startrompeters aus Ungarn, sagt alles. Ein Trompeter, der sich musikalisch dem 20. und 21. Jahrhundert verweigert, ist dazu verdammt, vor allem eines zu spielen: kuriose Bearbeitungen, das heißt Konzerte, die ursprünglich für andere Soloinstrumente geschrieben wurden.

Sieht man von neueren Zeiten ab, bietet vor allem die Barockmusik Trompetern Originalwerke. Allerdings wurden diese für die damals noch ventillose Naturtrompete mit geringem Tonumfang geschrieben, weswegen sie wenig taugen zur spektakulären Demonstration virtuosen Könnens: Sie bieten Melodien nur im hohen Register, Tonrepetitionen, Triller, Dreiklänge, Fanfaren. Ein Kinderspiel für heutige Trompetenvirtuosen wie Boldoczki und ihre technisch ausgeklügelte Ventiltrompete.

Im Konzert im gut besuchten Beethovensaal der Stuttgarter Liederhalle, wo Boldoczki und das Kammerorchester Philharmonia Prag besagte CD jetzt vorstellten, konnte man rare Werke böhmischer Komponisten aus frühklassischen bis romantischen Zeiten hören. Etwa ein eingängiges Konzert des Haydn-Zeitgenossen Johann Baptist Georg Neruda, das eigentlich fürs Horn geschrieben wurde. Der blitzblanke, warme und weiche Ton Boldoczkis ließ aufhorchen. Es ist dieser wie mit Puderzucker bestäubte Wunderton, der die Ohren einlullt und der wohl der Grund ist für die vielen Echo-Klassiks, die der schöne Gábor nach und nach einheimst.

In Johann Nepumuk Hummels „Introduktion, Thema und Variationen“ f-Moll op. 102, eigentlich für Oboe komponiert, wechselte Boldoczki zwischen drei unterschiedlich großen Trompeten. Mal brachte melancholische Melodien zum Singen, mal frönte er Trompeter-Zirzensik wie quecksilbrigen Läufen, heiklen Koloraturen und fröhlichen Springtänzen zwischen den Registern. Für das Flügelhorn arrangiert brillierte der Ungar in Johann Baptist Vanhals Konzert F-Dur für Kontrabass.

Die Musiker der Philharmonia Prag, die ohne Dirigenten auftreten und von Jan Fišer am Konzertmeisterpult geleitet werden, waren dem Solisten ein verlässlicher Partner. Zwischen den Trompetenschmankerl spielten sie Raritäten: Etwa die in ihren Kontrasten elektrisierende Sinfonie von František Benda, die Stilelemente des Barock und der Empfindsamkeit vereint, oder das schachtende, sich aus schöner Lethargie zu weitgespannter Melodik aufschwingende Nocturne op. 40 von Antonín Dvořák.

Aber den eindringlichsten Ohrwurm gab’s am Ende, als Boldoczki sein blitzendes, blinkendes Flügelhorn zur Zugabe erhob und mit einem Arrangement aus Dvořáks Liederzyklus „Als die alte Mutter sang“ einen wahrhaft sehnsuchtsvoll-ariosen Gesang hören ließ. Der blieb noch sehr lange im Ohr hängen.

Rezension für die Eßlinger Zeitung vom 28.11.2017.

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