Donnerstag, 5. Mai 2016

Ohne Fremde keine Utopie

„Das glaubst du ja wohl selber nicht!“: Der künstlerische Leiter des Nordlabors 2 über zehn musiktheatrale Abende am Schauspiel Stuttgart

Schorsch Kamerun

Stuttgart - Mit dem mehrwöchigen Theaterprojekt „Nordlabor“ versucht das Staatsschauspiel Stuttgart von diesem Freitag an bis zum 4. Juni zum zweiten Mal, neue Publikumsschichten zu gewinnen und das „Nord“, seinen kleinsten Spielort, zumindest für ein paar Wochen zu einem „urbaneren Ort“ mit experimentellem Theater zu machen. Für dieses Nordlabor 2 ist künstlerisch der Theatermacher, Autor und Musiker Schorsch Kamerun verantwortlich. Verena Großkreutz sprach mit dem Hamburger, der seine Karriere im Jahr 1984 als Frontmann der Punkband Die Goldenen Zitronen begann, über das Projekt, über Eskapismus, Eventkultur, fließende Identitäten und den gesellschaftlichen Wert des Fremden.

Herr Kamerun, das Motto vom Nordlabor 2 lautet „Das glaubst du ja wohl selber nicht!“. Was steckt dahinter?

Kamerun: Dass man etwas entdeckt, von dem man gar nicht so richtig wusste, dass es das gibt. Unser Grundthema lautet Eskapismus. Die Menschen flüchten sich heute gerne zeitweise aus der Realität, die zu komplex geworden ist. Sie suchen nach dem Fremden, das sie ansonsten nicht mehr finden.

Was erwartet das Publikum?

Kamerun: Konzerte, die wir aus Texten heraus entwickeln, sprechen, singen, tanzen. Jeden Tag andere. Auch ein Chor macht mit. Die Bühne ist flexibel gestaltet und der Raum frei begehbar. Und eine Bar ist offen. Das halbe Schauspielensemble ist im Einsatz. Mit im Boot ist auch die Band Metabolismus, mit riesigem Equipment, mit Geräten, die sich kaum kontrollieren lassen, wie einen Synthie mit Fotozellen, der Bewegungen im Raum in Musik umwandelt.

Sie widmen sich in den verschiedenen Premieren jeweils einem Beat-Literaten der 60er- und 70er-Jahre?

Kamerun: Ja, die Idee zu dem Projekt entstand aus der Kooperation mit dem Marbacher Literaturarchiv. Wir dürfen dort in den Archiven stöbern, schauen uns Texte an und prüfen, ob wir aus ihnen neue machen können und Musik. In Marbach liegt der Nachlass von Carl Weissner, der fast die gesamte amerikanische Beat-Literatur ins Deutsche übersetzt hat, der mit den Autoren befreundet war und eine ganz zentrale Figur in dieser Szene war. Da liegen zum Beispiel Weihnachtskarten von Charles Bukowski an ihn, Briefe von William S. Burroughs. Vor allem mit deutschen Beat-Poeten wie Hubert Fichte und Rolf Dieter Brinkmann beschäftigen wir uns, spinnen das weiter, schreiben eigenes.

Warum gerade die Beat-Poeten?

Kamerun: Es geht uns um Fragen der Gegenkultur. Welche Art von Kultur es schaffen kann, eine Identität zu gestalten, Aufmerksamkeit zu erreichen, sich einzumischen, wenn man mit Dingen nicht einverstanden ist. Das haben die Beat-Poeten ja damals sehr deutlich gemacht, als Bewegung, als Lebensgefühl und -entwurf. So was gibt es so heute nicht mehr.

Warum nicht?

Kamerun: Früher waren die Identitäten eindeutig, auch die Feindbilder. Alt-Nazis, Franz Josef Strauß usw. Dagegen konnte man sein. Heute hat man tausendmillionen Identitäten. Man kann Veganer, aber gleichzeitig auch Hardcore-Fan sein und eine Bank leiten. Es gibt keine klaren Positionen mehr. Und die Welt ist zusammengerückt und ängstlich geworden. Ängste sind heute das höchste Handelsgut, wie die Populisten zeigen. Und dann hat’s der Kapitalismus ja auch verstanden, die Themen für sich zu vereinnahmen: Sie sagen, das Apple-Telefon sei Freiheit, oder diese Auto, das du fährst, sei eine Revolution. Es gibt heute keine Bewegungen mehr, die Andersartigkeit schaffen, die uns echte Alternativen bereitstellen. Das zeigt ja auch der baden-württembergische grüne Ministerpräsident, der jetzt mit der CDU zusammenarbeitet. Die Grünen waren mal eine Alternative, jetzt nicht mehr. Heute nennt sich die AfD Alternative für Deutschland. Aber sie schürt nur die Ängste, verengt den Fokus. Sie behauptet: Wir nehmen euch die Ängste, wir bieten Lösungen. Aber sie vereinfachen die überkomplexe Welt bloß, setzen ihr falsche Eindeutigkeit entgegen, sagen, was die Leute hören wollen: „Grenze dicht machen“, oder „Wir kümmern uns um die Familie“.

Welche Möglichkeiten zum Ausstieg und zur Gegenkultur hatte man in Ihrer Jugend?

Kamerun: Es gab noch Urbanitäten, die Lücken hatten, nicht durchleuchtet waren. Ich bin in einem kleinen, engen Kaff an der Ostsee aufgewachsen, Timmendorfer Strand. Wir Punker sind nach Hamburg gegangen, nach Sankt Pauli. Der Bürger wollte da nicht leben. Rotlichtmilieu, Arbeitergegend, Hafen, dreckig. Wir fanden das aufregend, exotisch, und wir konnten uns dort mit vier Leuten für 150 Mark in einer Wohnung leben. Heute undenkbar. Wir konnten unser Leben noch selbst organisieren, eigene Strukturen in den Städten basteln, Plattenläden, Magazine, eigene Mode.

Warum setzen Sie den Fokus auf die deutsche Beat-Literatur?

Kamerun: Bukowski zum Beispiel funktioniert nicht mehr. Was an seinen Texten so unerhört war, Fickgeschichten in kaputten Hotelzimmern, ist längst angekommen im Privatfernsehen. Oder im Museum. Anders als etwa Hubert Fichte, der weiterging, die Ethnologie entdeckte, auf Reise ging, um das archaische Verhalten des Menschen zu erforschen. Das sogenannte Fremde entdecken wir ja nicht mehr in unseren weltweit gleichaussehenden Städten, sondern vielleicht in merkwürdigen Ritualen irgendwo auf der Welt.

Warum brauchen wir das „Fremde“?

Kamerun: Zum Weiterdenken, zur Identitätsbildung. Ohne Fremde keine Utopie, kein Geheimnis, keine Fantasie. Jeder will das. Aber man will heute keine Risiken mehr eingehen, weil alles so gefährlich ist. Wir leben in einer Gesellschaft der Eventkultur, des Spektakels, wo wir kurz mal ins möglichst Abgefahrene hineinschauen können.

Aber die „Fremde“ kommt doch jetzt hierher? Warum wird sie von vielen so abgelehnt?

Kamerun: Weil sie nicht kontrolliert scheint. Weil sie Unüberschaubarkeiten im Handgepäck hat, mit denen wir uns schlecht auskennen, den Islam zum Beispiel.

Interview für die Eßlinger Zeitung vom 4. Mai 2016.

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