Im Kinderzimmer tobt der Bär
Kurt Weills Kinderpantomime "Zaubernacht" wird beim Musikfest Stuttgart wiederbelebt
Stuttgart - Ein Safe ist ein guter Aufbewahrungsort für Notenmaterial. Trocken ist es in seinem Innern und dunkel. Gut fürs Papier und die Notenschrift. Wenn man den Inhalt des Safes aber vergisst und den Safe dann in einen Keller schafft, ohne ihn vorher noch mal zu öffnen, wird er schnell zum Grab für die Musik. Auf diesem Weg ist in den 1960er Jahren das originale Orchestermaterial zu Kurt Weills erstem Bühnenstück, der Kinderpantomime "Zaubernacht", der Welt abhanden gekommen. Das Werk in seiner ursprünglichen Gestalt galt seitdem als verschollen.
Weill komponierte die "Zaubernacht" im Sommer 1922 als Kompositionsstudent von Ferruccio Busoni auf ein Szenarium des russischen Theaterimpresarios Wladimir Boritsch. Es wurde noch im selben Jahr am Berliner Theater am Kurfürstendamm uraufgeführt. Das Werk erschien nicht im Druck, und die originale Partitur ging verloren: Weill musste sie bei seiner Flucht vor dem nationalsozialistischen Terror 1933 wie vieles andere in Deutschland zurücklassen. Das Orchestermaterial hatte Boritsch zuvor mit in die USA genommen, wo er "Zaubernacht" in einer gekürzten, stark bearbeiteten Version 1925 in New York noch einmal zur Aufführung brachte. Nach Boritschs Tod 1954 übergab seine Witwe das Notenmaterial an die Yale Universität, wo es im Safe verschwand, vergessen und erst 2005 bei einer Entrümpelungsaktion wiederentdeckt wurde. Die aufgefundenen Orchesterstimmen verwendete die Kurt Weill Edition im Jahr 2008 als Grundlage für die kritische Ausgabe der Partitur.
Dass sich die Internationale Bachakademie Stuttgart jetzt innerhalb ihres Musikfestes dieses Stücks angenommen und es erstmals seit 1925 und erstmals in der originalen Gestalt der Uraufführung von 1922 inszeniert an das Licht der Öffentlichkeit gebracht hat, war also ein spannendes, lobenswertes Unterfangen. Und es hat sich gelohnt: 55 mitreißende Minuten gut tanzbarer Musik hat die "Zaubernacht" zu bieten, und die Stuttgarter Choreografin Nina Kurzeja hat mit ihrer Compagnie daraus eine feine Ballettpantomime gemacht.
Der Plot orientiert sich an einem beliebten Musiktheater-Genre: Eine Zauberfee erweckt mit ihrem Gesang (Nastasja Docalu) das Spielzeug zweier schlafender Geschwister zum Leben und verursacht damit zwischen Geisterstunde und erwachendem Morgen einigen Wirbel im Kinderzimmer. Bär, Soldat, Stehaufmännchen und Puppe geraten den Kindern schon bald aus dem Ruder.
Kurzejas Choreografie changiert zwischen Pantomime, klassischem Ballett und Tanztheater und kontrastiert auf der minimalistisch ausgestatteten quadratischen Tanzfläche des Theaterhauses Stuttgart Tobeszenen (wie das Herumtollen der Kinder mit einem boxenden Pferd oder ihren Kampf mit dem nervenden Stehaufmännchen auf Rollschuhen) mit bewusst eckigen, formal strengen Gruppentänzen. Wie auch die durchkomponierte Partitur zwischen freieren und festen Formen wechselt: Eingerahmt durch eine impressionistische Traummusik für die Realität, teilt sich die traumartige Haupthandlung in einer Folge von recht realistischen Tanzsätzen mit, die immer wieder durch freiere Passagen aufgelockert werden. Tempi und Rhythmen ändern sich häufig. Der 22-jährige Weill zeigt sich schon hier als Meister der Stilmixtur: Taumelige Walzerseligkeit und aufmüpfige Märsche, alte und zeitgenössische Tänze, Jazz, Salonmusik, aber vor allem auch die musikalische Moderne und ihr Neoklassizismus werden auf geheimnisvolle Weise in ein musikalisches Fluidum überführt, dem man stundenlang zuhören könnte. Dabei ist die Musik keineswegs so freundlich, wie sie auf den ersten Blick vielleicht erscheint. Der Traum gebiert Ungeheuer. Das steckt auch in der Partitur. Doppelbödig, ironisch, grotesk wird's, wenn die Dur-Moll-Tonalität von "falschen" Verläufen überlagert wird, wenn die Haupt- und Nebennoten munter in alle Richtungen springen und der Rhythmus gewalttätig die Oberhand gewinnt.
Das 10-köpfige Arte Ensemble Hannover aus Flöte, Fagott, Schlagwerk, Klavier und Streichquintett macht seine Sache hervorragend: klar, transparent, farbig, rhythmisch akzentuiert, hochexpressiv, mit dem nötigen Biss.
Vielleicht ist das das Manko der Choreografie: Dass sie das Skurrile der Partitur zu wenig übertreibt und dadurch nivelliert. Das siebenköpfige Tanzensemble ist zwar virtuos, engagiert und quirlig bei der Sache, und das Bühnengeschehen ist schön anzuschauen, aber es packt einen nicht wirklich. Das Angsteinflößende der Nacht bleibt abwesend, weil die Tanzcharaktere zu brav in Erscheinung treten: Der Pilot (Erik Reisinger) breitet die Arme aus und fliegt seine Bahnen, das Stehaufmännchen (Tom Baert) fährt seine zappeligen Pirouetten auf Rollschuhen, die mechanisch stampfende Barbiepuppe in pinkfarbenen Latex-Outfit (Alexandra Brenk) verströmt zwar Eros, bleibt aber zu wenig übergriffig. Und der Hampelmann als Zwitter aus Pierrot und Gevatter Tod (Katharina Erlenmeier) wirkt zwar schwer melancholisch, stellt aber nicht mal andeutungsweise eine Gefahr dar. Wirklich skurril ist nur die wunderbar tapsige Oma Bär (Diane Marstboom). Und auch die Kinder (Cedric Huss und Kira Senkpiel), die zwischen Angstgefühlen, Überwältigung, Naivität und frechem Überschwang hin- und hergerissen sind, überzeugen in ihrer Rollenauslegung.
In theatraler Hinsicht ließe sich aus der "Zaubernacht" sicherlich noch mehr herausholen. Dem Stück wünscht man jedenfalls einen Stammplatz im Bühnentanzrepertoire. Das hat sich in Stuttgart zumindest auf musikalischer Ebene eindrücklich bewiesen.
Rezension für nmz-online. Die Premiere fand statt am 2. September 2010.
Stuttgart - Ein Safe ist ein guter Aufbewahrungsort für Notenmaterial. Trocken ist es in seinem Innern und dunkel. Gut fürs Papier und die Notenschrift. Wenn man den Inhalt des Safes aber vergisst und den Safe dann in einen Keller schafft, ohne ihn vorher noch mal zu öffnen, wird er schnell zum Grab für die Musik. Auf diesem Weg ist in den 1960er Jahren das originale Orchestermaterial zu Kurt Weills erstem Bühnenstück, der Kinderpantomime "Zaubernacht", der Welt abhanden gekommen. Das Werk in seiner ursprünglichen Gestalt galt seitdem als verschollen.
Weill komponierte die "Zaubernacht" im Sommer 1922 als Kompositionsstudent von Ferruccio Busoni auf ein Szenarium des russischen Theaterimpresarios Wladimir Boritsch. Es wurde noch im selben Jahr am Berliner Theater am Kurfürstendamm uraufgeführt. Das Werk erschien nicht im Druck, und die originale Partitur ging verloren: Weill musste sie bei seiner Flucht vor dem nationalsozialistischen Terror 1933 wie vieles andere in Deutschland zurücklassen. Das Orchestermaterial hatte Boritsch zuvor mit in die USA genommen, wo er "Zaubernacht" in einer gekürzten, stark bearbeiteten Version 1925 in New York noch einmal zur Aufführung brachte. Nach Boritschs Tod 1954 übergab seine Witwe das Notenmaterial an die Yale Universität, wo es im Safe verschwand, vergessen und erst 2005 bei einer Entrümpelungsaktion wiederentdeckt wurde. Die aufgefundenen Orchesterstimmen verwendete die Kurt Weill Edition im Jahr 2008 als Grundlage für die kritische Ausgabe der Partitur.
Dass sich die Internationale Bachakademie Stuttgart jetzt innerhalb ihres Musikfestes dieses Stücks angenommen und es erstmals seit 1925 und erstmals in der originalen Gestalt der Uraufführung von 1922 inszeniert an das Licht der Öffentlichkeit gebracht hat, war also ein spannendes, lobenswertes Unterfangen. Und es hat sich gelohnt: 55 mitreißende Minuten gut tanzbarer Musik hat die "Zaubernacht" zu bieten, und die Stuttgarter Choreografin Nina Kurzeja hat mit ihrer Compagnie daraus eine feine Ballettpantomime gemacht.
Der Plot orientiert sich an einem beliebten Musiktheater-Genre: Eine Zauberfee erweckt mit ihrem Gesang (Nastasja Docalu) das Spielzeug zweier schlafender Geschwister zum Leben und verursacht damit zwischen Geisterstunde und erwachendem Morgen einigen Wirbel im Kinderzimmer. Bär, Soldat, Stehaufmännchen und Puppe geraten den Kindern schon bald aus dem Ruder.
Kurzejas Choreografie changiert zwischen Pantomime, klassischem Ballett und Tanztheater und kontrastiert auf der minimalistisch ausgestatteten quadratischen Tanzfläche des Theaterhauses Stuttgart Tobeszenen (wie das Herumtollen der Kinder mit einem boxenden Pferd oder ihren Kampf mit dem nervenden Stehaufmännchen auf Rollschuhen) mit bewusst eckigen, formal strengen Gruppentänzen. Wie auch die durchkomponierte Partitur zwischen freieren und festen Formen wechselt: Eingerahmt durch eine impressionistische Traummusik für die Realität, teilt sich die traumartige Haupthandlung in einer Folge von recht realistischen Tanzsätzen mit, die immer wieder durch freiere Passagen aufgelockert werden. Tempi und Rhythmen ändern sich häufig. Der 22-jährige Weill zeigt sich schon hier als Meister der Stilmixtur: Taumelige Walzerseligkeit und aufmüpfige Märsche, alte und zeitgenössische Tänze, Jazz, Salonmusik, aber vor allem auch die musikalische Moderne und ihr Neoklassizismus werden auf geheimnisvolle Weise in ein musikalisches Fluidum überführt, dem man stundenlang zuhören könnte. Dabei ist die Musik keineswegs so freundlich, wie sie auf den ersten Blick vielleicht erscheint. Der Traum gebiert Ungeheuer. Das steckt auch in der Partitur. Doppelbödig, ironisch, grotesk wird's, wenn die Dur-Moll-Tonalität von "falschen" Verläufen überlagert wird, wenn die Haupt- und Nebennoten munter in alle Richtungen springen und der Rhythmus gewalttätig die Oberhand gewinnt.
Das 10-köpfige Arte Ensemble Hannover aus Flöte, Fagott, Schlagwerk, Klavier und Streichquintett macht seine Sache hervorragend: klar, transparent, farbig, rhythmisch akzentuiert, hochexpressiv, mit dem nötigen Biss.
Vielleicht ist das das Manko der Choreografie: Dass sie das Skurrile der Partitur zu wenig übertreibt und dadurch nivelliert. Das siebenköpfige Tanzensemble ist zwar virtuos, engagiert und quirlig bei der Sache, und das Bühnengeschehen ist schön anzuschauen, aber es packt einen nicht wirklich. Das Angsteinflößende der Nacht bleibt abwesend, weil die Tanzcharaktere zu brav in Erscheinung treten: Der Pilot (Erik Reisinger) breitet die Arme aus und fliegt seine Bahnen, das Stehaufmännchen (Tom Baert) fährt seine zappeligen Pirouetten auf Rollschuhen, die mechanisch stampfende Barbiepuppe in pinkfarbenen Latex-Outfit (Alexandra Brenk) verströmt zwar Eros, bleibt aber zu wenig übergriffig. Und der Hampelmann als Zwitter aus Pierrot und Gevatter Tod (Katharina Erlenmeier) wirkt zwar schwer melancholisch, stellt aber nicht mal andeutungsweise eine Gefahr dar. Wirklich skurril ist nur die wunderbar tapsige Oma Bär (Diane Marstboom). Und auch die Kinder (Cedric Huss und Kira Senkpiel), die zwischen Angstgefühlen, Überwältigung, Naivität und frechem Überschwang hin- und hergerissen sind, überzeugen in ihrer Rollenauslegung.
In theatraler Hinsicht ließe sich aus der "Zaubernacht" sicherlich noch mehr herausholen. Dem Stück wünscht man jedenfalls einen Stammplatz im Bühnentanzrepertoire. Das hat sich in Stuttgart zumindest auf musikalischer Ebene eindrücklich bewiesen.
Rezension für nmz-online. Die Premiere fand statt am 2. September 2010.
eduarda - 5. Sep, 23:50