Ein Tod voll Morgenrot
Musikfest Stuttgart: Requiem und "Der Rose Pilgerfahrt" von Robert Schumann mit dem Chorus Musicus Köln und Christoph Spering
Stuttgart - Dank des Musikfestes, so hört man derzeit aus dem Munde so mancher seiner Besucher, lerne man Stuttgart endlich mal richtig kennen. Zu den vielen Örtlichkeiten, die in diesem Sommer bespielt werden, gehört auch das Römerkastell. In der dortigen Phönixhalle, einer ehemaligen Reithalle, fand am Samstag das zweite Konzert der Robert-Schumann-Hommage statt.
Christoph Spering und seine Ensembles Chorus Musicus Köln und Das Neue Orchester interpretierten zwei selten zu hörende Spätwerke Schumanns: sein Requiem und das Oratorium "Der Rose Pilgerfahrt". Beide Werke komponierte Schumann innerhalb seiner dreieinhalb Düsseldorfer Jahre, in denen er wie im Rausch ein Drittel seines Gesamtwerks schuf, denen aber auch sein Suizidversuch und die anschließende Unterbringung in der Endenicher Nervenklinik folgten.
Schumanns Requiem dürfte in seiner subjektiven Verinnerlichung ein Unikum in der Geschichte der Gattung darstellen. Anders als viele seiner Zeitgenossen, etwa Berlioz und Verdi, baute er nicht auf monumentale Klanglichkeit, krasse musikalische Bildhaftigkeit und dramatische Ausgestaltung, sondern entschied sich für zweifelnde, narrative, fragende Gesten. Der "Tag des Zorns" kündigt sich dementsprechend sanft und wiegend an, nicht mit Pauken und Trompeten. Nur wenn von der Hölle die Rede ist, braust die Musik gelinde auf.
Christoph Spering, bekannt für seine Ausweitung der historischen Aufführungspraxis auf das 19. Jahrhundert, gelang eine konzentrierte Ausdeutung dieser in ihrer Zurückgenommenheit erschütternden Komposition. Seine Ensembles gingen mit einer solch inneren Ruhe zur Sache, dass das Requiem beinahe zum meditativen Erlebnis wurde. Und das bei einer Dauer von nur 35 Minuten! Zum Vergleich: Verdi brauchte 90, Berlioz gar 110, um sich zu den Themen Tod und Jenseits, Sünde und Vergebung musikalisch zu äußern. Sorgfältig, bis auf wenige Wackler intonationssicher, plastisch und in der Dynamik leiseste Bereiche nicht scheuend glückte allen Beteiligten der große Bogen: vom todtraurigen Requiem aeternam über das lichte Dies irae bis hin zum finalen, ätherischen Agnus Dei, das man kaum hörbar veratmen ließ. Ins durchsichtige Klangbild fügten sich auch die vier stimmlich schlanken, fein gestaltenden, sich wunderbar ergänzenden Gesangsolisten Antonia Bourvé (Sopran), Olivia Vermeulen (Alt), Daniel Behle (Tenor) und Tobias Berndt (Bass) ein.
Gemeinsam mit Britta Stallmeister (Sopran) sorgten sie auch in "Der Rose Pilgerfahrt" für die sensible, lyrische Darstellung innerseelischer Vorgänge. Das Werk ist ein hochromantisches, textlich etwas rührseliges Märchenstück um Leiden, Lieben und Sterben einer Mensch gewordenen Rose, die am Ende zum Engel wird und ihren Tod als glückliche Erlösung empfindet: "Das ist kein bleicher, schwarzer Tod. Das ist ein Tod voll Morgenrot!" An musikalischen Ideen aber ist das Werk reich, wie sich etwa im blechbläserbegleiteten Männerchor der Jäger zeigte oder im Frauenchor der Elfen. Besonders die Sopran- und Alt-Stimmen des Chorus Musicus überzeugten durch glasklare Intonation und perfekte Balance.
Rezension für die Eßlinger Zeitung vom 7.9.2010. Das Konzert fand statt am 4.9.
Stuttgart - Dank des Musikfestes, so hört man derzeit aus dem Munde so mancher seiner Besucher, lerne man Stuttgart endlich mal richtig kennen. Zu den vielen Örtlichkeiten, die in diesem Sommer bespielt werden, gehört auch das Römerkastell. In der dortigen Phönixhalle, einer ehemaligen Reithalle, fand am Samstag das zweite Konzert der Robert-Schumann-Hommage statt.
Christoph Spering und seine Ensembles Chorus Musicus Köln und Das Neue Orchester interpretierten zwei selten zu hörende Spätwerke Schumanns: sein Requiem und das Oratorium "Der Rose Pilgerfahrt". Beide Werke komponierte Schumann innerhalb seiner dreieinhalb Düsseldorfer Jahre, in denen er wie im Rausch ein Drittel seines Gesamtwerks schuf, denen aber auch sein Suizidversuch und die anschließende Unterbringung in der Endenicher Nervenklinik folgten.
Schumanns Requiem dürfte in seiner subjektiven Verinnerlichung ein Unikum in der Geschichte der Gattung darstellen. Anders als viele seiner Zeitgenossen, etwa Berlioz und Verdi, baute er nicht auf monumentale Klanglichkeit, krasse musikalische Bildhaftigkeit und dramatische Ausgestaltung, sondern entschied sich für zweifelnde, narrative, fragende Gesten. Der "Tag des Zorns" kündigt sich dementsprechend sanft und wiegend an, nicht mit Pauken und Trompeten. Nur wenn von der Hölle die Rede ist, braust die Musik gelinde auf.
Christoph Spering, bekannt für seine Ausweitung der historischen Aufführungspraxis auf das 19. Jahrhundert, gelang eine konzentrierte Ausdeutung dieser in ihrer Zurückgenommenheit erschütternden Komposition. Seine Ensembles gingen mit einer solch inneren Ruhe zur Sache, dass das Requiem beinahe zum meditativen Erlebnis wurde. Und das bei einer Dauer von nur 35 Minuten! Zum Vergleich: Verdi brauchte 90, Berlioz gar 110, um sich zu den Themen Tod und Jenseits, Sünde und Vergebung musikalisch zu äußern. Sorgfältig, bis auf wenige Wackler intonationssicher, plastisch und in der Dynamik leiseste Bereiche nicht scheuend glückte allen Beteiligten der große Bogen: vom todtraurigen Requiem aeternam über das lichte Dies irae bis hin zum finalen, ätherischen Agnus Dei, das man kaum hörbar veratmen ließ. Ins durchsichtige Klangbild fügten sich auch die vier stimmlich schlanken, fein gestaltenden, sich wunderbar ergänzenden Gesangsolisten Antonia Bourvé (Sopran), Olivia Vermeulen (Alt), Daniel Behle (Tenor) und Tobias Berndt (Bass) ein.
Gemeinsam mit Britta Stallmeister (Sopran) sorgten sie auch in "Der Rose Pilgerfahrt" für die sensible, lyrische Darstellung innerseelischer Vorgänge. Das Werk ist ein hochromantisches, textlich etwas rührseliges Märchenstück um Leiden, Lieben und Sterben einer Mensch gewordenen Rose, die am Ende zum Engel wird und ihren Tod als glückliche Erlösung empfindet: "Das ist kein bleicher, schwarzer Tod. Das ist ein Tod voll Morgenrot!" An musikalischen Ideen aber ist das Werk reich, wie sich etwa im blechbläserbegleiteten Männerchor der Jäger zeigte oder im Frauenchor der Elfen. Besonders die Sopran- und Alt-Stimmen des Chorus Musicus überzeugten durch glasklare Intonation und perfekte Balance.
Rezension für die Eßlinger Zeitung vom 7.9.2010. Das Konzert fand statt am 4.9.
eduarda - 6. Sep, 11:26