Blühende Landschaften
Musikfest Stuttgart mit Werken von Dieterich Buxtehude und Uri Caine
Für Experten der historischen Aufführungspraxis mag der Abend ein übersüßes Häppchen gewesen sein. Um der Popularität des Barockkomponisten Dieterich Buxtehude aber auf die Sprünge zu helfen, machte es Effekt, dass man beim Stuttgarter Musikfest dessen Passionskantatenzyklus "Membra Jesu Nostri" ("Glieder unseres Jesus") mit großem Instrumentalensemble, 16-stimmigen Chor und zusätzlichen Solisten zur Aufführung brachte.
In der locker gefüllten Domkirche St. Eberhard kam die Intimität, die bei einer historischen Besetzung mit fünf Solisten, zwei Geigen und Basso continuo entstanden wäre, zwar nicht auf. Dafür stellte die satte Klanglichkeit, mit der das Rilke-Ensemble und Il Suonar Parlante unter Vittorio Ghielmi die sieben Hymnen auf die "allerheiligsten Gliedmaßen unseres leidenden Jesus" zum Schwingen brachten, die überwältigende harmonische und kontrapunktische Meisterschaft des dänisch-deutschen Komponisten eindrücklich unter Beweis.
Das auf historischen Instrumenten spielende Ensemble Il Suonar Parlante sorgte für die rhythmisch-metrische Pulsierung und lebendige Phrasierung, die schwedischen Chorsänger für blühende harmonische Landschaften, in denen sie vibrierende Dissonanzen und ihre schönen Auflösungen genussvoll zur Entfaltung brachten. Unter den Gesangssolisten fügten sich die Frauenstimmen von Graciela Gibelli, Hélène Le Corre und Gabriella Martellaci besser in das Gesamtgefüge ein als Tenor Markus Brutscher und Bass Gianluca Buratto, die beide gelegentlich durch emotionale Überambitioniertheit ein wenig aus dem Rahmen fielen.
Zu Beginn des Abends hatte die Uraufführung eines Werks des musikalischen Grenzgängers Uri Caine geschmackssicher auf das Folgende eingestimmt: Caines Chorstück "Mortalis Sonans" arbeitet mit Zitaten aus Buxtehudes Passionszyklus, verfremdet sie, konterkariert sie mit harten, schrägen E-Gitarrenklängen (Nguyên Lê) und irritierendem arhythmischen Stampfen und Brustklopfen des Chores.
Mit Knut Nystedts "Immortal Bach", in dem Bachs Choral "Komm, süßer Tod" in verschiedenen Zeitabläufen gesungen wird, wodurch sich die Stimmen langsam im Cluster verlieren, fand der Abend ein wirkungsvolle Abrundung.
Rezension für die Stuttgarter Nachrichten vom 11.9.2010. Das Konzert fand statt am 9.9.
Für Experten der historischen Aufführungspraxis mag der Abend ein übersüßes Häppchen gewesen sein. Um der Popularität des Barockkomponisten Dieterich Buxtehude aber auf die Sprünge zu helfen, machte es Effekt, dass man beim Stuttgarter Musikfest dessen Passionskantatenzyklus "Membra Jesu Nostri" ("Glieder unseres Jesus") mit großem Instrumentalensemble, 16-stimmigen Chor und zusätzlichen Solisten zur Aufführung brachte.
In der locker gefüllten Domkirche St. Eberhard kam die Intimität, die bei einer historischen Besetzung mit fünf Solisten, zwei Geigen und Basso continuo entstanden wäre, zwar nicht auf. Dafür stellte die satte Klanglichkeit, mit der das Rilke-Ensemble und Il Suonar Parlante unter Vittorio Ghielmi die sieben Hymnen auf die "allerheiligsten Gliedmaßen unseres leidenden Jesus" zum Schwingen brachten, die überwältigende harmonische und kontrapunktische Meisterschaft des dänisch-deutschen Komponisten eindrücklich unter Beweis.
Das auf historischen Instrumenten spielende Ensemble Il Suonar Parlante sorgte für die rhythmisch-metrische Pulsierung und lebendige Phrasierung, die schwedischen Chorsänger für blühende harmonische Landschaften, in denen sie vibrierende Dissonanzen und ihre schönen Auflösungen genussvoll zur Entfaltung brachten. Unter den Gesangssolisten fügten sich die Frauenstimmen von Graciela Gibelli, Hélène Le Corre und Gabriella Martellaci besser in das Gesamtgefüge ein als Tenor Markus Brutscher und Bass Gianluca Buratto, die beide gelegentlich durch emotionale Überambitioniertheit ein wenig aus dem Rahmen fielen.
Zu Beginn des Abends hatte die Uraufführung eines Werks des musikalischen Grenzgängers Uri Caine geschmackssicher auf das Folgende eingestimmt: Caines Chorstück "Mortalis Sonans" arbeitet mit Zitaten aus Buxtehudes Passionszyklus, verfremdet sie, konterkariert sie mit harten, schrägen E-Gitarrenklängen (Nguyên Lê) und irritierendem arhythmischen Stampfen und Brustklopfen des Chores.
Mit Knut Nystedts "Immortal Bach", in dem Bachs Choral "Komm, süßer Tod" in verschiedenen Zeitabläufen gesungen wird, wodurch sich die Stimmen langsam im Cluster verlieren, fand der Abend ein wirkungsvolle Abrundung.
Rezension für die Stuttgarter Nachrichten vom 11.9.2010. Das Konzert fand statt am 9.9.
eduarda - 11. Sep, 11:19