Ein Heidenspaß
Christine Gnann inszeniert den „Frauenarzt von Bischofsbrück“ an der Esslinger Landesbühne

Esslingen - Fieser Haftrichter: Fragt den festgenommenen Dr. Julius Bork bei der Personendatenaufnahme, ob er „Sozialarbeiter“ sei. „Nee, Frauenarzt.“ Der Richter: „Sie sollten sich was schämen.“
Bork hat echt Pech. Wurde durch Zufall von der Polizei in einem sozialistischen Jugendtreff aufgegriffen und dann wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung ins Gefängnis geworfen. Daraus kann ihn nur der italienische Mafia-Boss Salvatore Calamari befreien, der wegen einer alten Liebe auf die entsprechende Bitte der Ordensschwester Mutter Maria von den heiligen Wassern eingeht. Am Schluss des Theaterabends in der Esslinger Landesbühne (WLB) ist Bork frei. Aber das Ende, das wie in jedem guten Arztroman der Hauptperson „die Liebe einer schönen Gräfin und ein erfülltes Leben in einem alten Försterhaus“ verspricht, ist noch lange nicht erreicht. Es folgen ja noch Hunderte von Kurzhörspielen, in denen das Genre auf die Schippe genommen und mit aktuellen gesellschaftlichen und politischen Bezügen - etwa zu Terrorismus, Pharmaindustrie, Lobbyismus, Kirche - gespickt wird.
Ja, der „Frauenarzt von Bischofsbrück“, die Kult-Hörspielserie von Alfred Marquart und Herbert Borlinghaus, die in den 80er-Jahren dem damaligen SDR Traumquoten bescherte, ist jetzt im Podium 2 des Esslinger Schauspielhauses zu sehen. Etwa die 30 ersten der Kurzfolgen verbrät der 90-minütige Abend - immer wieder unterbrochen von Chor-Jingles, wenn es gerade am spannendsten ist. Zwar bleibt der Hörspielcharakter erhalten - die Inszenierung von Christine Gnann spielt in einem Tonstudio, macht also sichtbar, was das Radio naturgemäß verbirgt. Aber waren die Originale recht „ernsthaft“ umgesetzte Parodien, so setzt das Theater sie mit den eigenen komödiantischen Mitteln gekonnt in Szene: trashig, anarchisch übertreibend, mit vielen Gags und Slapsticks.
Grauenhaft gut
Ausstatterin Katrin Busching verlegt den Abend in die Entstehungszeit der Serie. Die Bühne beherbergt eine Ansammlung von Trash: Vergilbte Gardinen im 70er-Jahre-Look, karierte Tapeten. Hinten zwei tresenartige, orange verkleidete Tische, an denen die beiden salbungsvoll deklamierenden Erzähler und Geräuschemacher stehen: rechts Martin Theuer in rot-schwarzem Polyesterhemd mit Seeadlerstickerei, links Marcus Michalski in schnittig aufgepumptem Jeansanzug, Collegeschuhen, Doppelsteg-Nasenfahrrad, mit Toma-Frisur (vorne Tolle, hinten Matte) und toupiertem Brusthaar, das aus dem Hemd quillt. Grauenhaft gut! Vorne in den Sesseln sorgen Christian A. Koch in gewagt gemustertem, lachsfarbenem Jackett und Gesine Hannemann in biederem Loden-Kostüm für die Dialog-Einwürfe und weiteres Geklirre und Gelärme. Und weil es ja heißt, dass auch Radio-Sprecher sich in ihre Rollen wirklich hineinversetzen müssen, zieht man sich pausenlos um, setzt hässliche Perücken auf und ab - wobei die Klamotten offenbar aus der letzten Kleidersammlung stammen. Mal schlüpft Koch in die Rolle des blonden Arztes, mal spielt er mit verstellter Stimme die dunkelgelockte, hysterische Annerose oder skandiert die Worthülsen-Rede eines bayrischen Ministerpräsidenten. Während Hannemann mal den raffinerten „kleinen Italiener Luigi“ mit Schnurrbart mimt, mal die vom Sohn „Anständigkeit“ einfordernde Arzt-Mutter röchelnd versterben lässt, um dann in ihrer Paraderolle zu landen: der knitzen Mutter Maria von den heiligen Wassern, die italienische Vorspeisenteller genauso liebt wie religiöse Traktate.
Dass der Abend ein echter Brüller wird, verdankt sich der Spiel-Leidenschaft des vierköpfigen Ensembles, das offenbar ein Heidenspaß antreibt. Virtuos etwa, wie Gesine Hannemann die diversen Ohnmachtsanfälle der Gräfin derer zu Retzlow zum Klingen bringt, indem sie sich seitlich mit dem Kopf auf eine Glasplatte fallen lässt, dass es donnert - bevor die Vöglein zwitschern. Aua!
Ein schön albernes Highlight ist auch Christian A. Kochs Darstellung des Mafiabosses, eine Parodie auf Marlon Brandos „Paten“: Ein gefühlt halbes Brötchen klemmt sich Koch hinter die Unterlippe, um ihm visuell und stimmlich möglichst nah zu sein - und das Brötchen am Ende einfach aufzuessen.
Knäckebrotbisse knacken ins Mikro
Unendlich scheint die Fantasie, mit der das quietschvergnügte Quartett Erzählung und Dialoge mit Geräuschen unterlegt: Da wird ein Knäckebrot ins Mikro zerkaut, um des Doktors Schritte im finsteren Treppenaufgang zu imitieren, da dient eine Stahlblech-Mülltonne als schwere Kerkertüre, und das Zuschnappen der Handschellen vertont ein Eiskugelausstecher. Das Geräuschemachen führt erwartungsgemäß zum Konkurrenzkampf: Etwa wenn Theuer verträumt die Polizeisirene singt und dann Kollege Michalski, der lieber mit technischem Schnickschnack arbeitet, angeberisch ein perfektes Tatütata zuspielt.
Den frenetischen Jubel am Ende hat sich das Ensemble wahrlich verdient. Wer einen richtig lustigen Abend erleben will, sollte zum „Frauenarzt“ gehen.
Besprechung für die Eßlinger Zeitung vom 17. Januar 2015.

Esslingen - Fieser Haftrichter: Fragt den festgenommenen Dr. Julius Bork bei der Personendatenaufnahme, ob er „Sozialarbeiter“ sei. „Nee, Frauenarzt.“ Der Richter: „Sie sollten sich was schämen.“
Bork hat echt Pech. Wurde durch Zufall von der Polizei in einem sozialistischen Jugendtreff aufgegriffen und dann wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung ins Gefängnis geworfen. Daraus kann ihn nur der italienische Mafia-Boss Salvatore Calamari befreien, der wegen einer alten Liebe auf die entsprechende Bitte der Ordensschwester Mutter Maria von den heiligen Wassern eingeht. Am Schluss des Theaterabends in der Esslinger Landesbühne (WLB) ist Bork frei. Aber das Ende, das wie in jedem guten Arztroman der Hauptperson „die Liebe einer schönen Gräfin und ein erfülltes Leben in einem alten Försterhaus“ verspricht, ist noch lange nicht erreicht. Es folgen ja noch Hunderte von Kurzhörspielen, in denen das Genre auf die Schippe genommen und mit aktuellen gesellschaftlichen und politischen Bezügen - etwa zu Terrorismus, Pharmaindustrie, Lobbyismus, Kirche - gespickt wird.
Ja, der „Frauenarzt von Bischofsbrück“, die Kult-Hörspielserie von Alfred Marquart und Herbert Borlinghaus, die in den 80er-Jahren dem damaligen SDR Traumquoten bescherte, ist jetzt im Podium 2 des Esslinger Schauspielhauses zu sehen. Etwa die 30 ersten der Kurzfolgen verbrät der 90-minütige Abend - immer wieder unterbrochen von Chor-Jingles, wenn es gerade am spannendsten ist. Zwar bleibt der Hörspielcharakter erhalten - die Inszenierung von Christine Gnann spielt in einem Tonstudio, macht also sichtbar, was das Radio naturgemäß verbirgt. Aber waren die Originale recht „ernsthaft“ umgesetzte Parodien, so setzt das Theater sie mit den eigenen komödiantischen Mitteln gekonnt in Szene: trashig, anarchisch übertreibend, mit vielen Gags und Slapsticks.
Grauenhaft gut
Ausstatterin Katrin Busching verlegt den Abend in die Entstehungszeit der Serie. Die Bühne beherbergt eine Ansammlung von Trash: Vergilbte Gardinen im 70er-Jahre-Look, karierte Tapeten. Hinten zwei tresenartige, orange verkleidete Tische, an denen die beiden salbungsvoll deklamierenden Erzähler und Geräuschemacher stehen: rechts Martin Theuer in rot-schwarzem Polyesterhemd mit Seeadlerstickerei, links Marcus Michalski in schnittig aufgepumptem Jeansanzug, Collegeschuhen, Doppelsteg-Nasenfahrrad, mit Toma-Frisur (vorne Tolle, hinten Matte) und toupiertem Brusthaar, das aus dem Hemd quillt. Grauenhaft gut! Vorne in den Sesseln sorgen Christian A. Koch in gewagt gemustertem, lachsfarbenem Jackett und Gesine Hannemann in biederem Loden-Kostüm für die Dialog-Einwürfe und weiteres Geklirre und Gelärme. Und weil es ja heißt, dass auch Radio-Sprecher sich in ihre Rollen wirklich hineinversetzen müssen, zieht man sich pausenlos um, setzt hässliche Perücken auf und ab - wobei die Klamotten offenbar aus der letzten Kleidersammlung stammen. Mal schlüpft Koch in die Rolle des blonden Arztes, mal spielt er mit verstellter Stimme die dunkelgelockte, hysterische Annerose oder skandiert die Worthülsen-Rede eines bayrischen Ministerpräsidenten. Während Hannemann mal den raffinerten „kleinen Italiener Luigi“ mit Schnurrbart mimt, mal die vom Sohn „Anständigkeit“ einfordernde Arzt-Mutter röchelnd versterben lässt, um dann in ihrer Paraderolle zu landen: der knitzen Mutter Maria von den heiligen Wassern, die italienische Vorspeisenteller genauso liebt wie religiöse Traktate.
Dass der Abend ein echter Brüller wird, verdankt sich der Spiel-Leidenschaft des vierköpfigen Ensembles, das offenbar ein Heidenspaß antreibt. Virtuos etwa, wie Gesine Hannemann die diversen Ohnmachtsanfälle der Gräfin derer zu Retzlow zum Klingen bringt, indem sie sich seitlich mit dem Kopf auf eine Glasplatte fallen lässt, dass es donnert - bevor die Vöglein zwitschern. Aua!
Ein schön albernes Highlight ist auch Christian A. Kochs Darstellung des Mafiabosses, eine Parodie auf Marlon Brandos „Paten“: Ein gefühlt halbes Brötchen klemmt sich Koch hinter die Unterlippe, um ihm visuell und stimmlich möglichst nah zu sein - und das Brötchen am Ende einfach aufzuessen.
Knäckebrotbisse knacken ins Mikro
Unendlich scheint die Fantasie, mit der das quietschvergnügte Quartett Erzählung und Dialoge mit Geräuschen unterlegt: Da wird ein Knäckebrot ins Mikro zerkaut, um des Doktors Schritte im finsteren Treppenaufgang zu imitieren, da dient eine Stahlblech-Mülltonne als schwere Kerkertüre, und das Zuschnappen der Handschellen vertont ein Eiskugelausstecher. Das Geräuschemachen führt erwartungsgemäß zum Konkurrenzkampf: Etwa wenn Theuer verträumt die Polizeisirene singt und dann Kollege Michalski, der lieber mit technischem Schnickschnack arbeitet, angeberisch ein perfektes Tatütata zuspielt.
Den frenetischen Jubel am Ende hat sich das Ensemble wahrlich verdient. Wer einen richtig lustigen Abend erleben will, sollte zum „Frauenarzt“ gehen.
Besprechung für die Eßlinger Zeitung vom 17. Januar 2015.
eduarda - 18. Jan, 11:39