Keine Atempause, Tempo wird gemacht
Die Russische Staatskapelle Moskau und die Pianistin Olga Scheps in der Stuttgarter Liederhalle
Stuttgart - Ein Mann fürs Filigrane ist Valery Poliansky nicht. Der Russe mit dem starken Nacken pflegt einen zupackenden Dirigierstil, wie sich jetzt beim Konzert der Russischen Staatskapelle Moskau im vollbesetzten Stuttgarter Beethovensaal zeigte. Die „Seelenbeichte“, mit der Tschaikowsky in seiner Vierten Sinfonie die „Macht des Schicksals“ in Töne zu fassen gedachte, scheint für Poliansky albernes Geschwätz eines Hypersensiblen zu sein. Tschaikowsky soll sich mal nicht so haben, mag er denken. So prescht das Schicksal in streng geschliffener Streicherformation vorwärts und ist dank seiner kompakten Griffigkeit auch schnell wieder beiseitegeräumt. Da gibt es nichts zu „überwinden“.
Die Musik, die laut Tschaikowsky durch ihre gewaltigen Ausdrucksmittel und ihre feine Sprache die Fähigkeit besitzt, „um tausend verschiedene Gemütsbewegungen auszudrücken“, gerät unter Polianskys wuchtigen Bewegungen zu einem atemlosen, immer wieder die Hörnerven attackierenden Fluss aus lärmendem Bombast und eisigen Steigerungswellen, die angeführt werden von hart und zackig gestrichenen Streicherbögen. Nur gelegentlich kontrastiert wird das mit überraschend leisen Passagen seufzender Traurigkeit. Aber selbst am Andantino beißt man sich nicht lange fest. Keine Atempause, Tempo wird gemacht. Von den Bläsern, ob Holz oder Blech, ist meist nur etwa zu hören, wenn sie in kammermusikalisch instrumentierten Passagen dem witzig-quirligen Scherzo-Ton frönen. Ansonsten dominieren Streicherschmelz und Streicherdoppelfeuer. Vor allem im Finale Allegro con fuoco: In schwindelerregendem Zeitmaß rasen die Russen durch die Takte, angepeitscht vom kraftvollen Armrudern ihres Chefdirigenten, und das mit einer fast unheimlich wirkenden Präzision, die auch die souveräne Routine des Repertoirestücks verrät.
Befremdend und aufdringlich mutet dieses sinfonische Naturereignis an in seiner oft grell-brutalen und penetrant maschinellen Diktion. Und doch wird dieser Abend in seiner ganzen Wucht wohl länger in Erinnerung bleiben, als so manch andere, feinsinnigere Tschaikowsky-Deutung.
Zudem kam dieser Stil, der musikalischem Kitsch per se nicht zuneigt, dem zuvor gespielten Zweiten Klavierkonzert von Sergei Rachmaninow durchaus zugute. Der Klassikhit, dessen viele „schöne Stellen“ schon so manchen Klavierlöwen und auch Maestro zu rubatierenden Herzensergüssen und verträumten Sentimentalitäten verführten, zeigte dem Publikum in dieser Hinsicht die kalte Schalter. Die junge deutsch-russische Pianistin Olga Scheps, Echo-Preisträgerin von 2010, folgte dem enorm schwungvollen, energiegeladenen und klanglich saftigen Zugriff Polianskys und der Moskauer Musiker souverän und ohne in den virtuos vertrackten Passagen in Hetze zu geraten. Scheps, gekleidet in ein knallrotes Abendkleid, beherrscht das anspruchsvolle Konzert, keine Frage, und sie konnte sich im Kopfsatz kraftvoll gegen den dominierenden Klangbombast der Streicher, unter dem alle Bläserstimmen erblassten, problemlos durchsetzen. Sie verfügt auch über eine differenzierte Farbpalette poetischer Ausdrucksnuancen, weswegen ihr trockener, sehr direkter Ton, den sie im Adagio an den Tag legte, interpretatorisch überraschte - während das Orchester in diesem nur dezent instrumentierten Satz endlich einmal zeigen durfte, dass es auch warm, weich und ungemein seelenvoll phrasieren kann.
Besprechung für die Eßlinger Zeitung von heute. Das Konzert fand statt am 17. Oktober 2012.
Stuttgart - Ein Mann fürs Filigrane ist Valery Poliansky nicht. Der Russe mit dem starken Nacken pflegt einen zupackenden Dirigierstil, wie sich jetzt beim Konzert der Russischen Staatskapelle Moskau im vollbesetzten Stuttgarter Beethovensaal zeigte. Die „Seelenbeichte“, mit der Tschaikowsky in seiner Vierten Sinfonie die „Macht des Schicksals“ in Töne zu fassen gedachte, scheint für Poliansky albernes Geschwätz eines Hypersensiblen zu sein. Tschaikowsky soll sich mal nicht so haben, mag er denken. So prescht das Schicksal in streng geschliffener Streicherformation vorwärts und ist dank seiner kompakten Griffigkeit auch schnell wieder beiseitegeräumt. Da gibt es nichts zu „überwinden“.
Die Musik, die laut Tschaikowsky durch ihre gewaltigen Ausdrucksmittel und ihre feine Sprache die Fähigkeit besitzt, „um tausend verschiedene Gemütsbewegungen auszudrücken“, gerät unter Polianskys wuchtigen Bewegungen zu einem atemlosen, immer wieder die Hörnerven attackierenden Fluss aus lärmendem Bombast und eisigen Steigerungswellen, die angeführt werden von hart und zackig gestrichenen Streicherbögen. Nur gelegentlich kontrastiert wird das mit überraschend leisen Passagen seufzender Traurigkeit. Aber selbst am Andantino beißt man sich nicht lange fest. Keine Atempause, Tempo wird gemacht. Von den Bläsern, ob Holz oder Blech, ist meist nur etwa zu hören, wenn sie in kammermusikalisch instrumentierten Passagen dem witzig-quirligen Scherzo-Ton frönen. Ansonsten dominieren Streicherschmelz und Streicherdoppelfeuer. Vor allem im Finale Allegro con fuoco: In schwindelerregendem Zeitmaß rasen die Russen durch die Takte, angepeitscht vom kraftvollen Armrudern ihres Chefdirigenten, und das mit einer fast unheimlich wirkenden Präzision, die auch die souveräne Routine des Repertoirestücks verrät.
Befremdend und aufdringlich mutet dieses sinfonische Naturereignis an in seiner oft grell-brutalen und penetrant maschinellen Diktion. Und doch wird dieser Abend in seiner ganzen Wucht wohl länger in Erinnerung bleiben, als so manch andere, feinsinnigere Tschaikowsky-Deutung.
Zudem kam dieser Stil, der musikalischem Kitsch per se nicht zuneigt, dem zuvor gespielten Zweiten Klavierkonzert von Sergei Rachmaninow durchaus zugute. Der Klassikhit, dessen viele „schöne Stellen“ schon so manchen Klavierlöwen und auch Maestro zu rubatierenden Herzensergüssen und verträumten Sentimentalitäten verführten, zeigte dem Publikum in dieser Hinsicht die kalte Schalter. Die junge deutsch-russische Pianistin Olga Scheps, Echo-Preisträgerin von 2010, folgte dem enorm schwungvollen, energiegeladenen und klanglich saftigen Zugriff Polianskys und der Moskauer Musiker souverän und ohne in den virtuos vertrackten Passagen in Hetze zu geraten. Scheps, gekleidet in ein knallrotes Abendkleid, beherrscht das anspruchsvolle Konzert, keine Frage, und sie konnte sich im Kopfsatz kraftvoll gegen den dominierenden Klangbombast der Streicher, unter dem alle Bläserstimmen erblassten, problemlos durchsetzen. Sie verfügt auch über eine differenzierte Farbpalette poetischer Ausdrucksnuancen, weswegen ihr trockener, sehr direkter Ton, den sie im Adagio an den Tag legte, interpretatorisch überraschte - während das Orchester in diesem nur dezent instrumentierten Satz endlich einmal zeigen durfte, dass es auch warm, weich und ungemein seelenvoll phrasieren kann.
Besprechung für die Eßlinger Zeitung von heute. Das Konzert fand statt am 17. Oktober 2012.
eduarda - 19. Okt, 14:02