Musikant im besten Sinne
Fabio Biondi und das Stuttgarter Kammerorchester im Mozartsaal

Stuttgart - Das Wort „Musikant“ hat heute einen abfälligen Beigeschmack. „Musikantenstadl“ ist im Feuilleton ein Schimpfwort, Musikanten machen Tanzmusik und Schlager, während sich wahre Musiker der hehren Kunst widmen. Als „Musikant“ gilt aber auch der, der das freie Zusammenspiel mit Gleichgesinnten pflegt, der nicht an den Noten hängt und mit seinem Publikum kommuniziert. Spontaneität prägen seine Auftritte. In diesem besten Sinne ist Fabio Biondi ein Musikant. Der Geiger, der mit seinem Ensemble L’Europa Galante längst zu den bedeutenden Protagonisten der historischen Aufführungspraxis gehört, reißt mit seiner Spielfreude und Klangfantasie Publikum und Orchester gleichermaßen mit, wie sich jetzt im Konzert mit dem Stuttgarter Kammerorchester (SKO) im Mozartsaal wieder einmal offenbarte.
In vier späten Werken Antonio Vivaldis und dem frühen vierten Violinkonzert Joseph Haydns zeigte das SKO, dass es unter entsprechender musikalischer Leitung ein hervorragendes Orchester sein kann. Da musste Biondi gar nicht so viel gestisch arbeiten, damit das Kollektiv ihm auch bei plötzlichen dynamischen Kontrasten und spontan wirkenden Tempoänderungen präzise und lustvoll folgte: in Vivaldis Streichersinfonia „Il coro delle muse“ etwa mit ihren Salven aus feurigen Abwärtsläufen oder seinem zackig akzentuierten Violinkonzert „Per Chiaretta“. Fein differenziert und transparent war auch das Klangbild in Vivaldis d-Moll-Konzert für Viola d’amore und Laute, in dem Biondi ein historisches fünfsaitiges Instrument spielte, das seine exotische Stimme fünf zusätzlichen Resonanzsaiten verdankt. Das SKO artikulierte dynamisch so flexibel, dass auch das Tongewebe der leisen Laute, die in diesem Stück gelegentlich aber auch mal brüllen darf und von Giangiacomo Pinardi gezupft wurde, immer gut hörbar blieb. Biondi als Meister der subtilen Phrasierung, des detailreichen Spiels und einer avantgardistisch anmutenden Farbensuche und -findung degradiert die virtuosen Möglichkeiten seines Instruments nicht zum Showelement, sondern integriert Läufe, Triller, Doppelgriffe in subtile Schatten- und Lichtspiele. Das ist wohl in dieser Feinheit nur mit dem gelenkiger zu handhabenden Barockbogen zu erreichen, den Biondi stets benutzt. Wegen der konvexen Krümmung, des geringeren Gewichts und der schmaleren Bespannung produziert der historische Bogen wesentlich obertonreichere Töne als der heutige. Das SKO verwendete zwar die moderne Variante, konnte die farblichen Unterschiede zum Solisten aber dank gespitzter Ohren und mit leichtem, luftigem, beweglichem und präzisem Spiel mildern. Biondi konnte sich an diesem Abend ohnehin blind auf SKO-Konzertmeisterin Susanne von Gutzeit verlassen.
Wenn man dem Geiger zuhört, verwandelt sich der Notenständer zur Staffelei. Vor allem in Johann Georg Albrechtsbergers D-Dur-Streicher-Divertimento und dessen Variationensatz: beeindruckend, wie Biondi mit dem Springbogen delikate Effekte wie kleine Trommelwirbel zaubert, wie er Farbtupfer durch überraschende Akzente setzt, wie er mit zarten Umspielungen lasiert. Seine Variationsmöglichkeiten scheinen unendlich. Und ziehen das atemlos folgende Publikum in den Bann.
Rezension für die Eßlinger Zeitung vom 23. Dezember 2014.

Stuttgart - Das Wort „Musikant“ hat heute einen abfälligen Beigeschmack. „Musikantenstadl“ ist im Feuilleton ein Schimpfwort, Musikanten machen Tanzmusik und Schlager, während sich wahre Musiker der hehren Kunst widmen. Als „Musikant“ gilt aber auch der, der das freie Zusammenspiel mit Gleichgesinnten pflegt, der nicht an den Noten hängt und mit seinem Publikum kommuniziert. Spontaneität prägen seine Auftritte. In diesem besten Sinne ist Fabio Biondi ein Musikant. Der Geiger, der mit seinem Ensemble L’Europa Galante längst zu den bedeutenden Protagonisten der historischen Aufführungspraxis gehört, reißt mit seiner Spielfreude und Klangfantasie Publikum und Orchester gleichermaßen mit, wie sich jetzt im Konzert mit dem Stuttgarter Kammerorchester (SKO) im Mozartsaal wieder einmal offenbarte.
In vier späten Werken Antonio Vivaldis und dem frühen vierten Violinkonzert Joseph Haydns zeigte das SKO, dass es unter entsprechender musikalischer Leitung ein hervorragendes Orchester sein kann. Da musste Biondi gar nicht so viel gestisch arbeiten, damit das Kollektiv ihm auch bei plötzlichen dynamischen Kontrasten und spontan wirkenden Tempoänderungen präzise und lustvoll folgte: in Vivaldis Streichersinfonia „Il coro delle muse“ etwa mit ihren Salven aus feurigen Abwärtsläufen oder seinem zackig akzentuierten Violinkonzert „Per Chiaretta“. Fein differenziert und transparent war auch das Klangbild in Vivaldis d-Moll-Konzert für Viola d’amore und Laute, in dem Biondi ein historisches fünfsaitiges Instrument spielte, das seine exotische Stimme fünf zusätzlichen Resonanzsaiten verdankt. Das SKO artikulierte dynamisch so flexibel, dass auch das Tongewebe der leisen Laute, die in diesem Stück gelegentlich aber auch mal brüllen darf und von Giangiacomo Pinardi gezupft wurde, immer gut hörbar blieb. Biondi als Meister der subtilen Phrasierung, des detailreichen Spiels und einer avantgardistisch anmutenden Farbensuche und -findung degradiert die virtuosen Möglichkeiten seines Instruments nicht zum Showelement, sondern integriert Läufe, Triller, Doppelgriffe in subtile Schatten- und Lichtspiele. Das ist wohl in dieser Feinheit nur mit dem gelenkiger zu handhabenden Barockbogen zu erreichen, den Biondi stets benutzt. Wegen der konvexen Krümmung, des geringeren Gewichts und der schmaleren Bespannung produziert der historische Bogen wesentlich obertonreichere Töne als der heutige. Das SKO verwendete zwar die moderne Variante, konnte die farblichen Unterschiede zum Solisten aber dank gespitzter Ohren und mit leichtem, luftigem, beweglichem und präzisem Spiel mildern. Biondi konnte sich an diesem Abend ohnehin blind auf SKO-Konzertmeisterin Susanne von Gutzeit verlassen.
Wenn man dem Geiger zuhört, verwandelt sich der Notenständer zur Staffelei. Vor allem in Johann Georg Albrechtsbergers D-Dur-Streicher-Divertimento und dessen Variationensatz: beeindruckend, wie Biondi mit dem Springbogen delikate Effekte wie kleine Trommelwirbel zaubert, wie er Farbtupfer durch überraschende Akzente setzt, wie er mit zarten Umspielungen lasiert. Seine Variationsmöglichkeiten scheinen unendlich. Und ziehen das atemlos folgende Publikum in den Bann.
Rezension für die Eßlinger Zeitung vom 23. Dezember 2014.
eduarda - 24. Dez, 11:32