Orpheus darf nicht singen
Festival Eclat: Doppelte Einsamkeit zum Auftakt - Beat Furrers Musiktheater „Begehren“ und Frieder Nahowski-Marienthals „Danach“ im Stuttgarter Theaterhaus

Stuttgart - Ist die zeitgenössische Kunstmusik eine Nischenkultur? Beim Neue-Musik-Festival Eclat hatte man jetzt einen anderen Eindruck. Viele Veranstaltungen waren proppenvoll, der große Saal des Stuttgarter Theaterhauses mit seinen 700 Plätzen war beim Eröffnungskonzert am Freitag so gut wie ausverkauft. Was für die Veranstalter - Musik der Jahrhunderte - ein Segen war, bereitete Beat Furrers Musiktheaterstück „Begehren“ von 2001 allerdings akustische Probleme. Die vielen Menschen nahmen den Schallwellen den Raum zur freien Entfaltung, so klang oft eigenartig stumpf und gedämpft, was da von der Bühne tönte. Am Pult des Ensemble Modern und des SWR-Vokalensembles stand der Komponist selbst.
Furrer verarbeitet in „Begehren“ den Orpheus-Mythos und damit den Urstoff der Oper. Denn der thrakische Singer-Songwriter avancierte dank der rätselhaften Macht seines Gesanges zu einer Art Schutzheiligem der Oper, galt es doch zunächst einmal, das gesungene Wort auf der Bühne zu rechtfertigen. Aber Furrer verweigert sich dem Mythos. Orpheus (Torsten Müller) darf nicht singen, nur sprechen und atmen. Singen muss Euridike (Petra Hoffmann), gelegentlich sogar in Koloraturen. Doch auch ihre Sprache schnurrt immer wieder zusammen auf einzelne Konsonanten. Das Paar kann zueinander nicht finden. „Deine Einsamkeit verdoppelt die meine“, äußert Euridike einmal. Die Musik gerät beständig in den Grenzbereich von Sprache und Gesang, auch beim Chor (professionell: das SWR-Vokalensemble), der in griechisch-antiker Manier kommentiert. Das Libretto ist aus Textfragmenten von Ovid bis Günter Eich kompiliert, die im Theaterhaus freilich selten zu verstehen waren. Es funktioniert rein assoziativ, will keine Handlung darstellen. Es geht um wenig fassbare Zustände eines suchenden Verlangens, das niemals Erfüllung findet.
„Begehren“ wurde - schon aus finanziellen Gründen - konzertant aufgeführt. Aber was genuin als Musik für das Theater gedacht ist, verblasst schnell, wenn ihm die szenische Aktion fehlt. Gerade im Falle Furrers. Seine Theatermusik ist kontrastarm, entwicklungsfrei, kreist in sich und besteht vor allem aus nervös vibrierenden Klangnetzen. Sie hat Eruptives, Ekstatisches oder Pulsierendes nur punktuell zu bieten (phänomenal: das Ensemble Modern). Sie müsste durch Bewegung auf der Bühne kontrapunktiert werden, um über 100 Minuten lebendig zu bleiben. Zur Kontrastierung des Stehtheaters hatte man zwar die Installationskünstlerin Rosalie beauftragt: Lichtquader stapelten sich auf der Bühne, die allerlei Bonbon-Farben verstrahlten und ab und zu hektisch aufblinkten, wenn die Musik sich einmal grell zusammenzog. Aber dieses poppig-schrille Aufgebot wollte nicht so recht zu dieser verstörten, fragilen, introvertierten Philosophenmusik passen.
Dass den 10 Szenen in der Stuttgarter Aufführung Passagen aus dem Briefwechsel Ingeborg Bachmanns und Paul Celans (gelesen von Sibylle Canonica und Stefan Hunstein) zwischengeschaltet wurden, kam der Unterhaltung durchaus entgegen. Wenig neue Aspekte steuerte dagegen das anschließend uraufgeführte Schauspiel bei (Regie: Thierry Bruehl). In Frieder Nahowski-Marienthals „Danach“ offenbart ein Ehepaar (Canonica, Hunstein) seine verdoppelte Einsamkeit und den Verlust seiner Sprache, indem es mithilfe von sinnentleerten Literatur-Zitaten streitet. Dazwischen überraschten Einspielungen tumultuöser Collagen aus Fetzen klassischer und romantischer Musik.
Rezension für die Eßlinger Zeitung vom 15.2.2010

Stuttgart - Ist die zeitgenössische Kunstmusik eine Nischenkultur? Beim Neue-Musik-Festival Eclat hatte man jetzt einen anderen Eindruck. Viele Veranstaltungen waren proppenvoll, der große Saal des Stuttgarter Theaterhauses mit seinen 700 Plätzen war beim Eröffnungskonzert am Freitag so gut wie ausverkauft. Was für die Veranstalter - Musik der Jahrhunderte - ein Segen war, bereitete Beat Furrers Musiktheaterstück „Begehren“ von 2001 allerdings akustische Probleme. Die vielen Menschen nahmen den Schallwellen den Raum zur freien Entfaltung, so klang oft eigenartig stumpf und gedämpft, was da von der Bühne tönte. Am Pult des Ensemble Modern und des SWR-Vokalensembles stand der Komponist selbst.
Furrer verarbeitet in „Begehren“ den Orpheus-Mythos und damit den Urstoff der Oper. Denn der thrakische Singer-Songwriter avancierte dank der rätselhaften Macht seines Gesanges zu einer Art Schutzheiligem der Oper, galt es doch zunächst einmal, das gesungene Wort auf der Bühne zu rechtfertigen. Aber Furrer verweigert sich dem Mythos. Orpheus (Torsten Müller) darf nicht singen, nur sprechen und atmen. Singen muss Euridike (Petra Hoffmann), gelegentlich sogar in Koloraturen. Doch auch ihre Sprache schnurrt immer wieder zusammen auf einzelne Konsonanten. Das Paar kann zueinander nicht finden. „Deine Einsamkeit verdoppelt die meine“, äußert Euridike einmal. Die Musik gerät beständig in den Grenzbereich von Sprache und Gesang, auch beim Chor (professionell: das SWR-Vokalensemble), der in griechisch-antiker Manier kommentiert. Das Libretto ist aus Textfragmenten von Ovid bis Günter Eich kompiliert, die im Theaterhaus freilich selten zu verstehen waren. Es funktioniert rein assoziativ, will keine Handlung darstellen. Es geht um wenig fassbare Zustände eines suchenden Verlangens, das niemals Erfüllung findet.
„Begehren“ wurde - schon aus finanziellen Gründen - konzertant aufgeführt. Aber was genuin als Musik für das Theater gedacht ist, verblasst schnell, wenn ihm die szenische Aktion fehlt. Gerade im Falle Furrers. Seine Theatermusik ist kontrastarm, entwicklungsfrei, kreist in sich und besteht vor allem aus nervös vibrierenden Klangnetzen. Sie hat Eruptives, Ekstatisches oder Pulsierendes nur punktuell zu bieten (phänomenal: das Ensemble Modern). Sie müsste durch Bewegung auf der Bühne kontrapunktiert werden, um über 100 Minuten lebendig zu bleiben. Zur Kontrastierung des Stehtheaters hatte man zwar die Installationskünstlerin Rosalie beauftragt: Lichtquader stapelten sich auf der Bühne, die allerlei Bonbon-Farben verstrahlten und ab und zu hektisch aufblinkten, wenn die Musik sich einmal grell zusammenzog. Aber dieses poppig-schrille Aufgebot wollte nicht so recht zu dieser verstörten, fragilen, introvertierten Philosophenmusik passen.
Dass den 10 Szenen in der Stuttgarter Aufführung Passagen aus dem Briefwechsel Ingeborg Bachmanns und Paul Celans (gelesen von Sibylle Canonica und Stefan Hunstein) zwischengeschaltet wurden, kam der Unterhaltung durchaus entgegen. Wenig neue Aspekte steuerte dagegen das anschließend uraufgeführte Schauspiel bei (Regie: Thierry Bruehl). In Frieder Nahowski-Marienthals „Danach“ offenbart ein Ehepaar (Canonica, Hunstein) seine verdoppelte Einsamkeit und den Verlust seiner Sprache, indem es mithilfe von sinnentleerten Literatur-Zitaten streitet. Dazwischen überraschten Einspielungen tumultuöser Collagen aus Fetzen klassischer und romantischer Musik.
Rezension für die Eßlinger Zeitung vom 15.2.2010
eduarda - 16. Feb, 23:56
Berlioz - 17. Feb, 12:12
wünsche wohl zu starten
prima, dass es nun endlich so weit ist. Hoffentlich gibt es noch mehr Eclat von Dir. Weiterhin gutes Gelingen!
Wunderbar!
Herzliche Grüße aus der Blogosphähre
Lilo