Mattigkeit statt Licht und Schatten
Musikfest Stuttgart: Helmuth Rilling dirigiert im Beethovensaal Schumanns "Szenen aus Goethes 'Faust'"
Stuttgart - Goethes "Faust": Heute das meistgespielte Drama der deutschen Sprache, aber schon in romantischen Zeiten Stoff, aus dem die musikalischen Träume sind. Spohr, Gounod, Berlioz, Boito, Liszt, Mahler: Sie und andere haben sich des "Faust" angenommen, in Opern, sinfonischen Dichtungen, Oratorien. Viele Versionen widmeten sich indes lediglich der populären Gretchen-Tragödie. Robert Schumann nicht: Der traute sich auch an "Faust II", die schwer verständliche Fortsetzung des Dramas.
Am Ende eines langwierigen Schaffensprozesses stand 1853 ein Meisterwerk: "Scenen aus Göthe's Faust für Soli, gemischten Chor und Orchester" lautet der Originaltitel des zweistündigen dramatischen Werks für den Konzertsaal: ein Zwitter aus weltlichem Oratorium und gigantischer Chor-Symphonie, geprägt von fesselnder Dramatik, schwelgendem Melos, krasser Harmonik, farbiger Instrumentation - und selbst groteske Komik kann man darin entdecken.
Zunächst wird schlaglichtartig die Gretchen-Handlung beleuchtet, im zweiten und dritten Teil zeichnet Schumann episodenartig Fausts verwickelte Vita bis zu seinem Tod und seiner Erlösung nach. Nikolaus Harnoncourt lobte einst, Schumann habe in seinen Faust-Szenen psychische Vorgänge beleuchtet, sie durchschaut und erkannt, wie es niemandem vor und nach ihm in der Kunst gelungen sei.
Wer das Werk nun im Abschlusskonzert des Musikfests im nicht ausverkauften Beethovensaal hörte und es vorher nicht gekannt hatte, dürfte erschüttert gewesen sein: ob der Tatsache, dass diese großartige Musik so gut wie nie live zu hören ist. Erschüttert war man, obwohl die Aufführung mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart und der Gächinger Kantorei in Helmuth Rillings Leitung auf keiner Ebene wirklich überzeugte. Man verstand so gut wie nichts vom Text, weder aus Chores noch aus Solisten Mund - sieht man einmal vom Stuttgarter Knabenchor Collegium Iuvenum ab, der seine Sache insgesamt fein machte. Die Gächinger Kantorei dagegen blieb ohne Strahlkraft, artikulierte undeutlich und wurde des öfteren vom Orchester übertönt. Die Balance zwischen den Ensembles stimmte einfach nicht. Hauptproblem: Helmuth Rilling winkte das Orchester durch. Ab und zu ein Bläserakzent, hier und dort der Hinweis auf heroisches Wallen. Sonst tat sich wenig in der dynamischen Arbeit und im instrumentalen Farbenspiel: Mattigkeit statt Licht und Schatten stellte sich ein, Prosa statt sogartiger Dramatik, klappernde Einsätze statt dezidiertem Spannungsaufbau.
Die Ideenlosigkeit in der Interpretation übertrug sich auch auf die Solisten, die weit unter ihrem Niveau blieben: Weder bösen noch mephistophelischen Geist strahlte der Bariton Gerd Grochowski aus. Baritonkollege Markus Eiche überzeugte erst im letzten Teil durch lyrischen Schmelz, der Tenor Christian Elsner blieb blass im Timbre, und die Sopranistin Letizia Scherrer war oft schlichtweg zu leise.
Eine gute Idee immerhin war es, die vielen kleinen Solopartien mit Teilnehmern der Musikfest-Meisterkurse zu besetzen. Ansonsten: Schön, dass man Schumanns Faust-Szenen endlich mal gehört hat. Aber schade, dass die Größe dieser Musik nicht zur vollen Entfaltung kam.
Rezension für die Eßlinger Zeitung vom 21.9.2010. Das Konzert fand statt am 19.9.
Stuttgart - Goethes "Faust": Heute das meistgespielte Drama der deutschen Sprache, aber schon in romantischen Zeiten Stoff, aus dem die musikalischen Träume sind. Spohr, Gounod, Berlioz, Boito, Liszt, Mahler: Sie und andere haben sich des "Faust" angenommen, in Opern, sinfonischen Dichtungen, Oratorien. Viele Versionen widmeten sich indes lediglich der populären Gretchen-Tragödie. Robert Schumann nicht: Der traute sich auch an "Faust II", die schwer verständliche Fortsetzung des Dramas.
Am Ende eines langwierigen Schaffensprozesses stand 1853 ein Meisterwerk: "Scenen aus Göthe's Faust für Soli, gemischten Chor und Orchester" lautet der Originaltitel des zweistündigen dramatischen Werks für den Konzertsaal: ein Zwitter aus weltlichem Oratorium und gigantischer Chor-Symphonie, geprägt von fesselnder Dramatik, schwelgendem Melos, krasser Harmonik, farbiger Instrumentation - und selbst groteske Komik kann man darin entdecken.
Zunächst wird schlaglichtartig die Gretchen-Handlung beleuchtet, im zweiten und dritten Teil zeichnet Schumann episodenartig Fausts verwickelte Vita bis zu seinem Tod und seiner Erlösung nach. Nikolaus Harnoncourt lobte einst, Schumann habe in seinen Faust-Szenen psychische Vorgänge beleuchtet, sie durchschaut und erkannt, wie es niemandem vor und nach ihm in der Kunst gelungen sei.
Wer das Werk nun im Abschlusskonzert des Musikfests im nicht ausverkauften Beethovensaal hörte und es vorher nicht gekannt hatte, dürfte erschüttert gewesen sein: ob der Tatsache, dass diese großartige Musik so gut wie nie live zu hören ist. Erschüttert war man, obwohl die Aufführung mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart und der Gächinger Kantorei in Helmuth Rillings Leitung auf keiner Ebene wirklich überzeugte. Man verstand so gut wie nichts vom Text, weder aus Chores noch aus Solisten Mund - sieht man einmal vom Stuttgarter Knabenchor Collegium Iuvenum ab, der seine Sache insgesamt fein machte. Die Gächinger Kantorei dagegen blieb ohne Strahlkraft, artikulierte undeutlich und wurde des öfteren vom Orchester übertönt. Die Balance zwischen den Ensembles stimmte einfach nicht. Hauptproblem: Helmuth Rilling winkte das Orchester durch. Ab und zu ein Bläserakzent, hier und dort der Hinweis auf heroisches Wallen. Sonst tat sich wenig in der dynamischen Arbeit und im instrumentalen Farbenspiel: Mattigkeit statt Licht und Schatten stellte sich ein, Prosa statt sogartiger Dramatik, klappernde Einsätze statt dezidiertem Spannungsaufbau.
Die Ideenlosigkeit in der Interpretation übertrug sich auch auf die Solisten, die weit unter ihrem Niveau blieben: Weder bösen noch mephistophelischen Geist strahlte der Bariton Gerd Grochowski aus. Baritonkollege Markus Eiche überzeugte erst im letzten Teil durch lyrischen Schmelz, der Tenor Christian Elsner blieb blass im Timbre, und die Sopranistin Letizia Scherrer war oft schlichtweg zu leise.
Eine gute Idee immerhin war es, die vielen kleinen Solopartien mit Teilnehmern der Musikfest-Meisterkurse zu besetzen. Ansonsten: Schön, dass man Schumanns Faust-Szenen endlich mal gehört hat. Aber schade, dass die Größe dieser Musik nicht zur vollen Entfaltung kam.
Rezension für die Eßlinger Zeitung vom 21.9.2010. Das Konzert fand statt am 19.9.
eduarda - 21. Sep, 08:50
christoph (Gast) - 24. Sep, 17:13
Danke
Ihre Svoboda-Sendung interessiert mich wirklich sehr. Vor über zehn Jahren habe ich ihn bei den Rottenburger Tagen für Neue Musik das erste Mal gehört. Seitdem bin ich möglichst da, wenn er hier in der Gegend etwas macht - egal was, die Bandbreite ist ja riesig. Die „14 Versuche Wagner zu lieben“ ist die am häufigsten verschenkte Platte, mit aufschlussreich unterschiedlichem Erfolg. Was mich betrifft, ist die Rechnung aufgegangen: nur wegen der dort so hinreißend musizierten Parodie für Posaune und Mundharmonikas („spiel mir das Lied vom Liebestod“) hab ich die erste , bisher freilich auch einzige Original-Wagner-CD gekauft, na ja, vielleicht doch nicht ganz richtig Wagner, den Tristan mit Carlos Kleiber.
Die Berliner Aufführung der Faust-Szenen in der Philharmonie mit Metzmacher und dem DSO war für mich eines der größten musikalischen Erlebnisse überhaupt. Ich bin ganz unvorbereitet hingegangen und war einfach überwältigt. Die Solisten, fast die gleichen wie auf der Harnoncourt-Aufnahme, Gerhaher, Güra, Zeppenfeld, Erdmann ..., nur der erste Sopran anders besetzt. Den Eindruck, Christian Gerhaher habe hier die "Rolle seines Lebens" gefunden, wie nachher zu lesen war, kann ich nachvollziehen, auch wenn's arg pathetisch formuliert ist.
Ganz hervorragend der Knabenchor und die Solisten des Knabenchors(Domchor Berlin), die, anders als in Stuttgart, auch die „schlotternden Lemuren“ dargestellt haben, geräuschhaft, fast klanglos, ich dachte, ich hör nicht recht, ein Wahnsinns-Effekt.
Die Orchesteraufstellung (ich bin mir nicht ganz sicher wie sie heißt, „deutsche“ glaub ich): also erste Geigen links die zweiten rechts gegenüber und die Kontrabässe hinten links. Das gab an einigen Stellen ein ganz anderes, irgendwie verschattetes Klangbild. Ach, ich könnte noch ewig schwärmen - wenn ich’s könnte.
Einziges Manko auch dieser Aufführung: die Pause vor dem 3. Teil. Aber vielleicht muss man das ja aus praktischen Gründen so machen.
Das Stück lässt mich seither nicht mehr los. Allein schon die Auswahl und Anordnung der Szenen ist genial. Am meisten fasziniert bin ich aber von der Art, wie Schumann die Verse rhythmisch liest („du kanntest mich o kleiner Engel wieder ... „-- „Waldung, sie schwankt heran / Felsen sie haften dran“). Die Einheit von Musik und Dichtung - das ist es wohl, was mir das Werk so einzigartig macht.
Jedenfalls freue ich mich auf weitere Beiträge von Ihnen, habe ja auch die Seite noch lange nicht durch, die Überschriften klingen vielversprechend. Und vielleicht klappt’s ja irgendwie mit Svoboda.
Die Berliner Aufführung der Faust-Szenen in der Philharmonie mit Metzmacher und dem DSO war für mich eines der größten musikalischen Erlebnisse überhaupt. Ich bin ganz unvorbereitet hingegangen und war einfach überwältigt. Die Solisten, fast die gleichen wie auf der Harnoncourt-Aufnahme, Gerhaher, Güra, Zeppenfeld, Erdmann ..., nur der erste Sopran anders besetzt. Den Eindruck, Christian Gerhaher habe hier die "Rolle seines Lebens" gefunden, wie nachher zu lesen war, kann ich nachvollziehen, auch wenn's arg pathetisch formuliert ist.
Ganz hervorragend der Knabenchor und die Solisten des Knabenchors(Domchor Berlin), die, anders als in Stuttgart, auch die „schlotternden Lemuren“ dargestellt haben, geräuschhaft, fast klanglos, ich dachte, ich hör nicht recht, ein Wahnsinns-Effekt.
Die Orchesteraufstellung (ich bin mir nicht ganz sicher wie sie heißt, „deutsche“ glaub ich): also erste Geigen links die zweiten rechts gegenüber und die Kontrabässe hinten links. Das gab an einigen Stellen ein ganz anderes, irgendwie verschattetes Klangbild. Ach, ich könnte noch ewig schwärmen - wenn ich’s könnte.
Einziges Manko auch dieser Aufführung: die Pause vor dem 3. Teil. Aber vielleicht muss man das ja aus praktischen Gründen so machen.
Das Stück lässt mich seither nicht mehr los. Allein schon die Auswahl und Anordnung der Szenen ist genial. Am meisten fasziniert bin ich aber von der Art, wie Schumann die Verse rhythmisch liest („du kanntest mich o kleiner Engel wieder ... „-- „Waldung, sie schwankt heran / Felsen sie haften dran“). Die Einheit von Musik und Dichtung - das ist es wohl, was mir das Werk so einzigartig macht.
Jedenfalls freue ich mich auf weitere Beiträge von Ihnen, habe ja auch die Seite noch lange nicht durch, die Überschriften klingen vielversprechend. Und vielleicht klappt’s ja irgendwie mit Svoboda.
Ja, wirklich schade,
Freut mich sehr,